Seite - 192 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 192 -
Text der Seite - 192 -
OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR
192 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
Mit der obligaten Huldigung der Herrscherin und dem Verweis auf die erneuerte habs-
burgische Kampfeskraft, die der patriotischen Kriegsbegeisterung ihrer Untertanen zu
verdankensei, endetdieBrief ktion:
OAsmußd'Kinigin jagfrayä,wannmaihriFaindsozwifelt,
Sag i; iwollt äwohlräffä;wasgilts, iweräglaigstifelt?
Laßnugehn, sagtwiedäoanä,d'Kiniginschraibtwie langauf;
Drumhoässtsentli zamäräten:Vogel friß, stirb,odä lauf;
Zwoämahlhundät tausendSäbel sinkezenschohinundwiedä
Lassmädenuzammäkummä;s'Hauens'halbetFrankrainidä?
Jetzwoäst,Vottä?wasdeZaitingz'negst sovielhatz'redengmacht.
Bhütdi GOtt,undgrüssmäd'Muttä.MeinHerrrieftmi.GutiNacht.44
DiePerfektiondermetrischenFormgebung,dieleichthändigeIntegrationidiomatischer
Phraseologie, das dramatische und humoristische Geschick bei der Gesprächswieder-
gabe, die Bildhaftigkeit des Ausdrucks und die beeindruckende Breite des Wortschat-
zes das alles zeigt einen Meister am Werk, der wohl ganz gezielt für diese stimmungs-
machendenArbeitenherangezogenwurde.Wereswar,werdenzukünftigeForschungen
hoffentlichenthüllen.
Sprachlich wesentlich anspruchsloser präsentieren sich die holprigen paargereimten
Vierheber des Huldigungslieds SO grieß enk GOtt Wiener, mei kents mich den nödt, das
anlässlichderHochzeitdesThronfolgersmitderspanischenInfantinIsabellavonBour-
bon-Parma 1760 entstand. Hier ist es ein oberösterreichischer Bauer, der zum Most-
Verkauf in die Residenzstadt reist und sich seine simplen Gedanken zum bevorstehen-
denEreignismacht, indemeresmit seinerLebenswelt inEinklangsetzt:
6
Weil ihn GOtterhaltenvorallerGefahr,
undist jetzt schonaltüberneunzehnJahr;
so ist jaganzbillich,daßerkriegtaWeib,
gebts ihmfeinahübsche, sohateraFreud.
7
MeinmitererBuehat jetzt schonaGlückgemacht,
denhanihaltgschwindzumHäußlzuebracht;
aina ist imFeld,erwirdseinGeneral,
wannichdochnicht fehl,odergarCorporal.
8
NächsthanimeinPfarrer seinWinter-Waizbaut,
dahamsasogredvondesPrinzenseinBraut;
beyuns istdie schöne,desMesnerLena,
sie istsabernit, es toinsanderstnenna.
9
Sösagn,dasMenschwär füranPrinzenalszgmain,
wannsareichundschönwär,wurdgleichwolnichts tain;
dieBrautmußh[e]rstammavonKönigl.Blut,
fürsMesnerMe[n]sch istdaPräcepter schongut.
44 Ebda., f. 4r.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen