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REPRÄSENTATIONEN DYNASTISCHER SCHLÜSSELMOMENTE 193
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UmBrauthababergleichnochamalge[fra]gt,
sohatmirsdochendlichdaCaplan[ges]agt;
PrinzeßinvonParma, Infantin[wi]rdsgnent,
derNahmIsabella,vortreflichundschön.45
8,1 Nächst] vor kurzem han i] habe ich 8,4 toins] tun sie 9,1 zgmain] zu gewöhnlich, nieder 9,4 Mesner
Mensch]Mesner-Mädchen Präcepter]Schullehrer
Unterhaltsame Auftragsdichtungen zu Festveranstaltungen anlässlich dynastischer Ver-
mählungen lieferte mit Maurus Lindemayr ein weiterer Meister seines Fachs. Die An-
lässe waren allerdings komplizierter, sodass in beiden Fällen jeweils nur die allein rei-
sendeBrautgefeiertwurde.1765waresdiebayerischePrinzessinMariaJosepha,dieauf
der Fahrt nach Wien zu ihrer Hochzeit mit Joseph II. im Kloster Lambach nächtigte.
Hier, beim ersten Aufenthalt auf österreichischem Boden, fand auch die sogenannte
Auswechslung` statt, die Verabschiedung des vertrauten bayerischen Personals und die
Übernahme des österreichischen. Zur Feier dieses symbolischen Akts dichtete Linde-
mayr seinen Brautgesang Losts Nachbärn stehts zamä, der die bevorstehenden könig-
lichen Vermählungsfeierlichkeiten in den traditionellen Fixpunkten einer bäuerlichen
Hochzeit spiegelt. Zunächst müssen die Heiratserlaubnis bei der Grundherrschaft und
das Plazet der Kirche eingeholt werden, nach den Verhandlungen mit dem Wirt wer-
den die Gäste geladen, die am Hochzeitsmahl mit Musik teilnehmen, am folgenden Tag
ndet ein Preisschießen als Belustigung statt und schließlich lässt man noch eine Dan-
kesmesse lesen. Geschickt einge ochten in diese Beschreibung sind Hinweise auf das
königlicheBrautpaarunddenzuerwartendenNachwuchs:
aftwöllmämitbettn
inhimmelrechtnettn,
umlangiRegierung;umSegn,undumglück,
wiewöllmänötSpringä
wennsd'zeitingwirdbringä,
daßd'KinigingweilätwirdPraschät,unddick.
wiewirdsi sostadlä
däKaiserli adlä
inJoseph,undseiner Josöf nvämehrn?
wers falschmaintwirdstutzen,
däKaisäwirdschmutzen,
undKaisringkan leichtnoänUrahnlwern.46
1 aft] dann 2 nettn] nötigen, zwingen, erzwingen 5 zeiting] Nachricht 6 weilät] schön langsam, nach einer
Weile Praschät]aufgedunsen,dick, (hier:) schwanger11 schmutzen] lächeln12 Urahnl]Urgroßmutter
Die Wünsche sollten allerdings nicht in Erfüllung gehen, war doch die Ehe von vorn-
herein zum Scheitern verurteilt. Nach dem Tod seiner geliebten ersten Frau Isabella
wollte der österreichische Thronfolger nicht mehr heiraten. Doch für Maria Theresias
Netzwerk an Allianzen war eine weitere Vermählung ihres ältesten Sohns unabding-
bar. Letztlich entschied sich die Kaiserin für die bayerische Option, da Maria Josephas
45 Gutmeynender Ländler-Baur / Uber das Vermählungs-Fest / Des Erz-Herzogen und Cron-Prinzen von
Oesterreich, f. 1v 2r.
46 Lindemayr,Dialektlieder I,S.127.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen