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REPRÄSENTATIONEN DYNASTISCHER SCHLÜSSELMOMENTE 195
des 18. Jahrhunderts. Das nächste Mal, dass es im Frühjahr so andauernd regnete, war
1793, jenes Jahr, indemdie französischeKönigin ihrgekröntesHauptunterderGuillo-
tineverlor.
*
Der Krönung eines Herrschers kam im dynastischen Repräsentationsgefüge als symbo-
lischer Akt der Legitimation und des Konsenses eine besondere Bedeutung zu, die der
politischen Öffentlichkeit entsprechend vermittelt werden musste zumal, wenn der
Konsens keineswegs gesichert war. Als etwa 1742 Karl Albrecht von Bayern als erster
Nicht-Habsburger seit beinahe drei Jahrhunderten zum Kaiser gekrönt wurde, besetz-
ten österreichische Truppen gerade Bayern, sodass der ehrgeizige Wittelsbacher, der
die Pragmatische Sanktion nicht anerkennen wollte und sich selbst zum Erzherzog von
Österreichernannthatte,ohneLandundMachtimFrankfurterExilfestsaß.Umsowich-
tigerwares,seinenUntertanendenRechtsanspruchunddieGültigkeitseinerHerrschaft
zu vermitteln. In diesem Sinn ist auch ein leider nur unvollständig erhaltenes, schwach
dialektal markiertes Flugschriftlied zu sehen, in dem nach erprobtem Schema ein
ein-
facher` Mann die neuesten Vorkommnisse aus Frankfurt berichtet, wo die Kurfürsten
zur Wahl zusammengekommen sind. Der Favorit für den Sprecher ist klar: Es muss der
Sohn des Türkenbezwingers Maximilian sein, der wie kein anderer für die militärische
StärkeBayernsstand:
1
SO gehnurmeinJodel, ichmußdirwassagen,
wassichhinundwider fürSachenzutragen,
wiemanmußvernemmen,daßChurfurstenall,
zusammenwärnkommen,undhaltendieWahl.
2
Manthutmirerzehlen, inFranckfurthamMayn,
dortwerdenserwöhlen,werKaysersoll seyn,
vonChurfürsteneinen,wirdnächdarzukämmen,
glaubnit,daßeinGmeiner, jaKayserwerdwerden.
3
Es ist jakeinstärckreranGlaubenundSchwerdt,
sovilmankanmercken,alsCarlAlbert,
wünschdaßall zusagendasRömischeLooß,
thut leichteinCrontragen, ist schonsovielgroß.
4
Wiehatnitaufd'GoschenderMaximilian,
dieTürckengedroschen,dasweiß jederschon.
EsseyndjazumRauffendieBeyerwackerLeuth,
schlageneinenübernHauffen,wannsieseynimStreitt.49
4,1 d'Goschen]dasMaul
49 Vier schöne weltliche Neue Lieder, Das erste: So geh nur mein Jodel, ich muß dir was sagen, etc. Das an-
dere: Lustig frölich guter Dingen, thu ich meine Zeit zubringen, etc. Das dritte: Schönste thu bekennen,
wann ich dich darff nennen, etc. Das vierte: Lustig wohl auf, jetzt bin ich content, bin nit mehr der etc.
Gedruckt in diesem Jahr. [o.O., o.J., 1742], f. 1v. (im Deutschen Volksliedarchiv Freiburg ist nur ein Blatt
erhaltenmitTitelunddenersten4StrophendeserstenLieds).
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen