Seite - 198 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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198 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
denquasi-authentischenGefühlsausdruckdesgewöhnlichenMannsrepräsentiertwird.
Im Zentrum steht dabei die Beschreibung der Festlichkeiten: die aufwändigen Feiern,
das Abfeuern von Kanonen und Gewehrsalven, das Beleuchten der Fenster und die
Menschenmengen. Umrahmt werden diese Schilderungen von den obligatorischen Lo-
besformeln für die Herrscher, die Teil der Beschreibung der Geschehnisse sind, aber
gleichzeitigauchimLiedwiederholtundbestätigtwerden.DreiDialektliederhabensich
zum Regierungsantritt Kaiser Leopolds erhalten, in den man 1790 nach dem überra-
schenden Tod Josephs II. große Hoffungen setzte, hatte er doch in den 25 Jahren seiner
Herrschaft in der Toskana ein Reformprogramm verwirklicht, das das Großherzogtum
zu einem Vorzeigeland europäischer Aufklärungspolitik machte. Die Modernisierun-
gen in Verwaltung, Justiz und Wirtschaft mit Bedacht durchgeführt und zuvor im
Kleinen auf ihre Tauglichkeit geprüft fanden nicht nur den Beifall der Intellektuellen,
sondern kamen auch den sozial schlechter Gestellten zugute. Die Lage des Habsbur-
gerreichs war bei Leopolds Amtsantritt alles andere als stabil. Finanziell am Rande des
Abgrunds, durch Separationsbestrebungen und Kriege in seinem Bestand bedroht, be-
durfte es einer raschen Kurskorrektur, für die man sich gerade auch in Zeiten der
Französischen Revolution die Unterstützung des Volks sichern wollte, auf dessen Ei-
genverantwortlichkeit Leopold schon in der Toskana gesetzt hatte. Eine Flugschrift aus
dieser Zeit diente in der Vergegenwärtigung der Wahl- und Krönungszeremonie of-
fensichtlich der Stimmungsmache für den noch weitgehend unbekannten Herrscher.
Ein erstes Lied Von der Abreis in Wien skizziert retrospektiv, doch Simultanität si-
mulierend den Reiseverlauf, die prächtige Ankunft in Frankfurt und die Wahl am
30.September:
1
HeStephl,undRiepel,Hansl,Woferlkommther,
ichmußeucherzehlenneuZeutungschonmehr,
wassich jetztwirdzutragnzuFrankfurtamMayn,
seyts fröhlä, sauftsumä,undthuts lusti seyn.
2
DasallerhöchstOberhauptvomganzenReich,
istvonWiennächstabgraist,mitzweyPrinzenzgleich,
siehabnsPrinzKarl,undLeopoldg'nennt,
weilmansgarschönvoneinanderhatkennt.
[...]
6
InFrankfurtwirdsLeutgebn,daßwimmeltalsdick,
mitChur-undReichsfürsten,das isthaltäGlück,
fürdenKönigLeopoldErzherzogenzgleich,
seyndd'Stimmäausgfallen,vomrömischenReich.
[...]
10
DerEinzug istgangäderKirchengradzue,
wieschöndasDingz'sehn,derfstglaubenmeinBue,
eswarall'svoll JublundFreudendagwest,
den9.OktoberbeydemKrönungsfest.
1,1 Riepel]KurzformfürRupert/Ruprecht1,2 Zeutung]Nachricht2,2 nächst]neulich,unlängst
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen