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200 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
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Weild'Liechterhabnbrunnendieganz liebeNacht,
da istoftwasg'schehn,habenallez'sammg'lacht,
meinHiesl ichsagdirs,das ist schöngewest,
mitFreudenhabensg'haltendieskaiserlichFest.55
1,1 Vikori] eigentlich Viktori (lat. victoria): Sieg 1,2 voley] völlig, ganz (?) 9,4 Stuck] Kanonen 10,1 brunnen]
gebrannt
Mit seinen ersten Amtshandlungen schien Kaiser Leopold II. der hohen Erwartungs-
haltung durchaus gerecht zu werden. Mit viel Geschick in außen- wie innenpolitischen
Fragen suchte er eine Annäherung an Preußen, nahm Verhandlungen mit der Hohen
Pforte zur Beendigung des Kriegs auf und leitete durch die Rücknahme allzu überhas-
teter Reformen seines Vorgängers eine vorsichtige Liberalisierung im Reich ein. Viel
Spielraum ließ ihm die budgetäre Situation freilich nicht, sodass nicht wenige seiner
Änderungen in den ersten Monaten seiner Herrschaft eher symbolischen Charakter
hatten. Obwohl wie sein Bruder Joseph ein Anhänger eines aufgeklärten Reformkatho-
lizismus,agierteLeopoldauchinkirchenpolitischenBelangenweitausbehutsamer ein
Aspekt, den auch Peter Gottlieb Lindemayr, der als Lambacher Stadlschreiber sowohl
auf staatlicher als auch klösterlicher Lohnliste stand, in seinem Fürstenpreis Es leb dä
Kaisä Leopold ansprach. Mit der Inszenierung privater Religiosität signalisierte er dem
Volk den Fortbestand der im Aufklärungsdiskurs unterminierten christlichen Werthal-
tungenundTraditionen:
5
Äschützt,undehrtd'Religian,
DasgraichtnLandzumBösten:
Undderfän jedenUntäthan,
VäHerzenfreun,undtrösten:
Z'Linzvor undnachnMittämahl
HatEr Sie unddieKinderall
So eißibeth. ... Daskimmtiada
Beiuns itztwällätvölli a. 6
Allain iwettetumwaiswas:
UndgiebenksaufänStempel
ÄsgehtbaldausänannernFaß,
Nach 'sKaisäseinExempel.
Dösibishersomausigmacht,
Undalls,washeilli ist, väracht,
DöziehngtnSchwaifganzsicherein,
Undwerndaufsnächstganzdästi seyn.56
5,8 wällät] wahrlich völli] beinahe, fast 6,2 enks] euch es, es euch 6,5 si .... mausi gmacht] widerspenstig
waren6,7 ziehngt]ziehen6,8 aufsnächst]demnächst dästi]kleinlaut,unterwür gstill
DieDatierungdesLiedsaufden15.November1790istnichtzufälliggewählt:Eswarder
Tag der ungarischen Inthronisation Leopolds, der im ganzen Reich mit Feierlichkeiten
undTreuekundgebungenbegangenwurde,beidenenpanegyrischeLiederundGedichte
vorgetragenwurden.IndiesenzumeistrechtschwülstigenGelegenheitsdichtungenspie-
gelt sich die Hoffnung, die die Bevölkerung, Konservative ebenso wie Aufklärer, in ihr
neues, tatkräftigesOberhauptsetzten.
55 Zwey neue Lieder, von der zu Frankfurt am Mayn den 30. September 1790. Freudenvoll geschehenen Rö-
mischen Königswahl, und den 9. Oktober darauf folgenden Kaiserkrönung Leopolds II. dieß Namens.
[o.O., ev. Linz oder Steyr]. Gedruckt im Jahre 1790. Auch abgedruckt in Wolkan, Wiener Volkslieder 1,
S.222 224.
56 Lindemayr,Lieder inoberösterreichischerMundart,S.41f.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen