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REPRÄSENTATIONEN DYNASTISCHER SCHLÜSSELMOMENTE 203
D'Reimsändnätzänmörkä,ößsändgaralsz'viel,
DäKaysäselbmstundänEichtüberall still.
5
SchaddaßänötselbmmitdäKayserinda,
WasschriedieStadtSteyrnöt fürVivat lautna;
Es löbKaysäFranz,undd'FrauReßldänöbm,
Gott schenkünsbaldPrinzen,denZwayen langsLöbm.61
1,1 öß] ist es 4,3 d'Reim] die in den beleuchteten Fenstern und an Hausfassaden ausgestellten Sinnsprüche
undVerse4,4 änEicht]eineWeile5,3 d'FrauReßl]MariaTheresiavonNeapel-Sizilien
Die Art der Darstellung, die den Fokus auf die Loyalität der Untertanen legt, muss im
historischen Kontext gesehen werden, war doch die Kaiserkrönung bereits überschattet
vomAusbruchdesErstenKoalitionskriegsgegendasrevolutionäreFrankreich.DasLied
bzw.diegedruckteSammlung, inderesenthaltenist, solltewohl jeglicheBedenken in
der Bevölkerung wie bei der Obrigkeit zerstreuen, dass das Volk nicht geschlossen
hinterdemHerrscherstünde;ganzimGegensatzzuFrankreich,wodieRevolutionbald
auch die Köpfe des Herrscherpaars fordern sollte. Ein zweites dialektales Lied dersel-
ben Sammlung (Heut hat üns mei P ögä was nois publizirt), das stolz ein kaiserliches
Dankesdekret für die erwiesenen Huldigungen zum Anlass nimmt, einen noch detail-
lierteren Überblick über den Festtag zu geben, deutete in der Abschlussstrophe dieses
Schicksalbereitsan:
Soll löbmünsäKaysä,d'FrauReßl soll löbm,
FünfPrinz, söchsPrinzösinasoll ieGottgöbm;
DosollkaiPrinzösönsinötuntästehn,
AlsBrautödößmördäröschFrankreimehrz'gehn.62
*
Jeder Tod eines Herrschers stellt eine Bedrohung für das monarchische System an sich
dar,dennsein
politischer`Körper, jenesüberindividuelleKonstrukt,dasdieEinheitder
Korporation und damit die Fortdauer des Staats garantierte, durfte nicht sterben.63 Die
Vergänglichkeit des biologischen, individuellen Körpers des Souveräns allerdings war
unleugbar.Sowaresnötig,dassnachdemVerlustdesHauptsdieKontinuitätderHerr-
schaftsfolge entsprechend rasch sichergestellt wurde und der politische Körper wieder
alsunversehrtpräsentiertwerdenkonnte imSinnedesrituellen DerKönig ist tot!Lang
lebe der König!`. Auch in den dialektalen Propagandatexten ist diese Idee der sukzessi-
ven Körperschaft als Signal an das Volk häu g mit simplen Mitteln umgesetzt, wie etwa
61 Sammlung von Liedern, welche bei den Feierlichkeiten zu Steyr über die Krönung zu Frankfurt Sr k. k.
apostol. Majestät Franz des Zweiten gesungen wurden im Jahr 1792. Steyr, gedruckt und zu nden bei Jo-
sefMedter. f.3r v. Wohl1793erschieneneFlugschriftmit insgesamtvierLiedern,dievermutlichälteres
Material von 1792 mit neuem Material verbindet, das die Reaktion auf die Feierlichkeiten bereits eingear-
beitethat.BeiHartmann,HistorischeVolksliederundZeitgedichteII,S.51ff.(Nr.207 210)sinddieLieder
(innormalisierterForm)mitNotenediert.
62 Ebda., f. 10v.
63 Vgl. mit entsprechender Adaption für das 18. Jahrhundert Ernst H. Kantorowics: Die zwei Körper des
Königs. Eine Studie zur politischen Theologie des Mittelalters. Aus dem Amerikanischen übersetzt von
WalterTheimer.Stuttgart:Klett-Cotta1992,S.322ff.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen