Seite - 204 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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204 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
ein 10-strophiges Flugschriftlied (Gott grüß eng meine Herren allsamt wohl) kurz nach
Leopolds Tod zeigt, ein seltsames Amalgam aus Tirolerlied, Scherzlied, Trauerlied und
Eloge auf den neuen Herrscher Franz. Nach einführenden Strophen zur Charakterisie-
rung des Schützen Peter Füx berichtet dieser von den Trauerfeierlichkeiten im fernen
InnsbruckunddrücktseineSorgeumdieNachfolgeaus,wirdaberrascheinesBesseren
belehrt:
4
InInsprughatderStadtPfarherr selbstgar,
aufgmachteingroßmächtigeTodtenbahr,
vierKronnerhabnsoftau gstehlt,
undLiechtaeshätskeinerzählt,
oft schwarzeLeuthatsgebnagrosseSchaar. 5
IchstunddawieaStockhonzugschautwohl,
undhannitgwistwasdasbedeutensoll,
dahab icheinSoldatengfragt,
derhatmirgleichdieWahrheitgsagt,
daßgstorbenistderKaiserLeopold.
6
Verzeihmawas ichsagnwillmeineHerrn,
wannalleRiethbeiengdieKaiser sterbn,
es seyndnochkaumwordenzweyJahr,
liegtKaiserLeopoldaufderBahr,
werwirdaufLeztbeyengnochKaiserwern. 7
HaNarrhatmeinigerLandsmanzumirgsagt,
weistnitdaßTreßelhatvielKinderghabt,
unddöhan[sö]sovielvermehrt,
santPrinzenunsererLiebewerth,
jetzthabnwirwiedereingutenVatergriegt.
8
OBruderwannst ihmsiehstes istaFreud,
er sieht jaunsernKaiser Josephgleich,
unddieserneu jungeHeld,
warmit JosephindemFeld,
undhatdenTürkenseinGuraschyzeigt.64
4,3 oft] dann au ] hinauf 4,5 schwarze Leut] wohl Anspielung auf die Schwarzmander` (Bronze guren am
PrunkgrabmalMaximiliansI.)5,1hon]habe6,2alleRieth]alleAugenblicke, inkurzenAbständen7,2Treßel]
MariaTheresiavonÖsterreich8,5 Guraschy] (franz.courage)Mut
Was der zweite Sprecher des Lieds als Begründung für die Herrschaftskontinuität ins
Treffen führt, hat durchaus seine Berechtigung. Maria Theresias Kinderreichtum ist
wohl nicht zuletzt auch eine Reaktion auf die letztendlich nur bedingt erfolgreichen
Anstrengungen ihres Vaters, mit der Pragmatischen Sanktion die Thronanwärterschaft
auch über subsidiäre weibliche Erbfolge zu regeln. Nach dem Tod Kaiser Karls VI. war
man dementsprechend bemüht, die Rechtmäßigkeit auch bei den Untertanen zu veran-
kern. Ein instruktives Beispiel dafür ist das folgende Lied, in dem ein Mann aus dem
Volk` im Wirtshaus die Generationenfolge kommentiert. Die Perspektive der einfachen
LeutewirdschondurchdenVerweisaufdasbäuerlicheUmfeldsuggeriert,dasumeinen
aufschlussreichen Hinweis auf die Kommunikationsbedingungen der Zeit erweitert ist:
Es war offenbar nicht selbstverständlich, dass sich die Nachricht vom Tod des Kaisers
überdenWinterüberallhinverbreitete:
64 Drey schöne neue Weltliche Lieder, Das Erste: Das Fiackerlied. Das Zweyte: Ein rechtes Theater ist die
Welt.DasDritte.GottgrüßengmeineHerrnallsammt.Gedruckt indiesemJahr. [o.O.,1792]Erhaltenhat
sich der Text in einem Sammelband der Wienbibliothek mit Flugschriften, die 1804 von der kaiserlichen
ZensurkommissionfüreineWeiterveröffentlichungüberprüftwurden.AndiesemLiedhattederBeamte
imGegensatzzumvorhergehenden verständlicherweisenichtsauszusetzen.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen