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INSZENIERTER PATRIOTISMUS: HERRSCHAFTSAPOLOGIEN UND VATERLÄNDISCHE STÜCKE 209
InszenierterPatriotismus:Herrschaftsapologien
undvaterländischeStücke
Geburten, Hochzeiten, Todesfälle und ähnliche Ereignisse aus dem Umfeld des Herr-
scherhauses sind regelrecht disponiert, als Impuls für Huldigungsschriften zu dienen.
Der Fokus ist dabei auf die Repräsentanten des Staats gerichtet; das Volk selbst über-
nimmt die Rolle des berichtenden Statisten. Als Identi kationsangebote für die Abwe-
senden kommen typisierte Betrachtende, Mitfeiernde, Trauernde zur Sprache, die am
Ende zumeist in einer Licenza ihre Treue und Liebe zum regierenden Geschlecht und/
oder zum Vaterland ausdrücken. Doch bedarf es nicht immer derart singulärer Anlässe
für literarisiertes Herrscherlob. Gerade in Zeiten drohender oder auch eben erst über-
wundenerGefährdungfürdasReichhäufensichDichtungen,diedenBlicknunaufdas
einfacheVolk`wenden,das inseinerpatriotischenBegeisterungundHerrschaftsloyali-
tät insBildgesetztwird.DieIdenti kationdesVolksmitdergesellschaftlichenOrdnung
isthierkeinevonobenrepräsentierteStaatsidee, sondernwirdalsKonstituenseinesge-
lingenden Lebens vorgeführt, in dem sich das Gottgewollte der Herrschaft spiegelt. Im
Mittelpunkt dieser
vaterländischen Dichtung`, die natürlich gleichfalls als systemaf r-
mative Agitation zumeist gezielt von der Obrigkeit gefördert oder von Systemträgern
verfasst wurde, stehen idealtypische Volks guren, deren moralische Integrität, Fleiß
und äußere Vorzüge für die Gesundheit des
Volkskörpers` stehen. Dialekt ist nun nur
mehr sekundär ein Mittel der Komisierung, als Stigma der intellektuell Unbedarften.
Nun dient er neben sozialer und regionaler Verortung der Sprecher vorrangig als
Signal für Authentizität, Unverfälschheit, Bodenständigkeit und natürlichen Gerechtig-
keitssinn.
Ein Beispiel dafür stellt das Lied Den Keisser den sein mir, recht alle verp icht dar,
ein Lobpreis auf Joseph II., der leider ohne Noten handschriftlich im Stubenber-
ger
Gesänger Buch` überliefert ist. Die betonte Aufrichtigkeit der Sprecher gur aus
dem Bauernstand sollte der Herrscherapologie mehr Glaubwürdigkeit geben, als es
die Rechtfertigung eines möglicherweise mit Kalkül handelnden Gebildeten geschafft
hätte zumal der Text sich an diese ländliche Zielgruppe richtet, aus der sich wohl
kritische Stimmen vernehmen ließen (siehe 4,1f.). Ihr wird der Kaiser, der das Bau-
ernvolkh ehrt (11,2), als Wohltäter vor Augen geführt, dessen Wirken zum bösten
vürs Bauern Volkh gmaeidt (4,4) sei. Zusammen mit dem in der Handschrift voran-
gehenden Lied Loss, Liebä vödä, und las dä was sagn werden speziell steuerpolitische
Novellierungen angesprochen, die von vielen Seiten Kritik und Widerstand erfuhren.
BereitsMariaTheresiahatte1748einPatenterlassen,dasdieVerstaatlichungderständi-
schen Steuerverwaltung vorsah und die allgemeine Steuerp icht festsetzte, sodass auch
Adel und Geistlichkeit für ihren Bodenbesitz abgabenp ichtig waren. Dennoch aber
bliebeindeutliches Ungleichgewichtbestehen, indemdieSätzeunterschiedlich geregelt
waren, da zwischen höher besteuertem Rustikalbesitz, also Land, über das die Bauern
verfügten, und geringer besteuertem Dominikalbesitz in den Händen der Grundher-
ren unterschieden wurde. Zudem dienten als Grundlage selbst bekundete Fassionen
bzw.Kapitalschätzungen,die freilichvielfachzueigenenGunstengeschöntwurden;da-
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen