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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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INSZENIERTER PATRIOTISMUS: HERRSCHAFTSAPOLOGIEN UND VATERLÄNDISCHE STÜCKE 209 InszenierterPatriotismus:Herrschaftsapologien undvaterländischeStücke Geburten, Hochzeiten, Todesfälle und ähnliche Ereignisse aus dem Umfeld des Herr- scherhauses sind regelrecht disponiert, als Impuls für Huldigungsschriften zu dienen. Der Fokus ist dabei auf die Repräsentanten des Staats gerichtet; das Volk selbst über- nimmt die Rolle des berichtenden Statisten. Als Identi kationsangebote für die Abwe- senden kommen typisierte Betrachtende, Mitfeiernde, Trauernde zur Sprache, die am Ende zumeist in einer Licenza ihre Treue und Liebe zum regierenden Geschlecht und/ oder zum Vaterland ausdrücken. Doch bedarf es nicht immer derart singulärer Anlässe für literarisiertes Herrscherlob. Gerade in Zeiten drohender oder auch eben erst über- wundenerGefährdungfürdasReichhäufensichDichtungen,diedenBlicknunaufdas ‚ einfacheVolk`wenden,das inseinerpatriotischenBegeisterungundHerrschaftsloyali- tät insBildgesetztwird.DieIdenti kationdesVolksmitdergesellschaftlichenOrdnung isthierkeinevonobenrepräsentierteStaatsidee, sondernwirdalsKonstituenseinesge- lingenden Lebens vorgeführt, in dem sich das Gottgewollte der Herrschaft spiegelt. Im Mittelpunkt dieser ‚ vaterländischen Dichtung`, die natürlich gleichfalls als systemaf r- mative Agitation zumeist gezielt von der Obrigkeit gefördert oder von Systemträgern verfasst wurde, stehen idealtypische Volks guren, deren moralische Integrität, Fleiß und äußere Vorzüge für die Gesundheit des ‚ Volkskörpers` stehen. Dialekt ist nun nur mehr sekundär ein Mittel der Komisierung, als Stigma der intellektuell Unbedarften. Nun dient er – neben sozialer und regionaler Verortung der Sprecher – vorrangig als Signal für Authentizität, Unverfälschheit, Bodenständigkeit und natürlichen Gerechtig- keitssinn. Ein Beispiel dafür stellt das Lied Den Keisser den sein mir, recht alle verp icht dar, ein Lobpreis auf Joseph II., der – leider ohne Noten – handschriftlich im Stubenber- ger ‚ Gesänger Buch` überliefert ist. Die betonte Aufrichtigkeit der Sprecher gur aus dem Bauernstand sollte der Herrscherapologie mehr Glaubwürdigkeit geben, als es die Rechtfertigung eines möglicherweise mit Kalkül handelnden Gebildeten geschafft hätte – zumal der Text sich an diese ländliche Zielgruppe richtet, aus der sich wohl kritische Stimmen vernehmen ließen (siehe 4,1f.). Ihr wird der Kaiser, der das „ Bau- ernvolkh ehrt“ (11,2), als Wohltäter vor Augen geführt, dessen Wirken „ zum bösten vürs Bauern Volkh gmaeidt“ (4,4) sei. Zusammen mit dem in der Handschrift voran- gehenden Lied Loss, Liebä vödä, und las dä was sagn werden speziell steuerpolitische Novellierungen angesprochen, die von vielen Seiten Kritik und Widerstand erfuhren. BereitsMariaTheresiahatte1748einPatenterlassen,dasdieVerstaatlichungderständi- schen Steuerverwaltung vorsah und die allgemeine Steuerp icht festsetzte, sodass auch Adel und Geistlichkeit für ihren Bodenbesitz abgabenp ichtig waren. Dennoch aber bliebeindeutliches Ungleichgewichtbestehen, indemdieSätzeunterschiedlich geregelt waren, da zwischen höher besteuertem Rustikalbesitz, also Land, über das die Bauern verfügten, und geringer besteuertem Dominikalbesitz in den Händen der Grundher- ren unterschieden wurde. Zudem dienten als Grundlage selbst bekundete Fassionen bzw.Kapitalschätzungen,die freilichvielfachzueigenenGunstengeschöntwurden;da-
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800