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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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INSZENIERTER PATRIOTISMUS: HERRSCHAFTSAPOLOGIEN UND VATERLÄNDISCHE STÜCKE 215 Untergebenen werden rücksichtslos ausgebeutet, während jener sich ein gutes Leben macht; jeglicheKritikaberwirdbrutalbestraft: GestrengerHerr! Izt kann i nimmer länger halten, es muß alles rein heraus, was mir auf der Seele hokt, und wann mi der G'streng Herr gleich im Bok spannen ließ. Warum hat mi denn der Hr. Verwalter neuli aufdenStrafesel reiten lassen,weil imihabverlauten lassen,daßEuerG'streng 'mSchindersein Vetter ist, weil er uns schon gar beim lebendigen Leib schinden thut? .... Muß i deswegen auf dem Esel reiten, weil i d'Wahrheit g'sagt hab? – Das war a saubere Komoedie, wann unser einer nichts reden durft, wann uns der Verwalter mit der Scheibtruch über' d'Nasen fahrt? Izt bin i a malg'ritten,undiztwill i reden,undsollt' imi[t]n'Wolfenreitenmüssen. Wann's der g'strenge Herr no lang a so treibt, so wird der heilige Barthelme unser Dorfpatron, undaufd' leztmüssenunserealtenBauern,wiediekleinBubenohneHosen'rumlauffen? 's is ja a Spott und Schand, wie er an uns zwikt? Das will d'Herrschaft g'wiß nit hab'n, das kenn' i, aber 'n Herrn Verwalter schlaunt halt 's gute Leben, und da müssen wir'n halt schoppen, daß ihm der Bauchwachst,das isderganzeHandel! HohlmiderFuchs,wann'smiwildmacht's, sogehistantepenezuderHerrschaft,undreib' ihr's unter d'Nasen, was 's für ein Katter zum Beamten hat! – Wann i mein Maul aufmach, so willi mi g'wißrechtauslarn,unddeng'strengenHerrnrechtschaffenwaschen. Wann er alle Bauern will auf'm Esel reiten lassen, die ihn nicht leiden mögen, so kann er sie ein eignen B'reiter aufnehmen, der 's ihnen lernt. Komm' i nur einmal zum Herrn Grafen, i will mi g'wiß über den einfältigen Esel beschweren, denn so lang i leb, hab'n wir schon viel Verwalter g'habt, abernoniemalseinEsel.Nichts fürungut,g'strengerHerr. HannsMichelDikkopf.84 Strafesel] hölzernes Gestell mit dachartigen Seiten ächen Scheibtruch] Schubkarren Wolfen reiten] sich wund reiten heilige Barthelme] dem Hl. Bartholomäus wurde der Überlieferung zufolge die Haut abgezogen schlaunt] wohlbekommen schoppen] stopfen stante pene] Verballhornung von lat. ‚ stante pede`: stehenden Fußes, sofort auslarn]ausleeren,erleichtern Der Bauer mag zu ungehobelt sein, sein Sprachgebahren zu erheiternd, um wirkliche AnteilnahmeoderSolidarisierungbeiderLeserschaftzuerreichen.Dochwirdimkom- mentierenden Schlussabsatz deutlich, dass nicht er das eigentliche Ziel der Satire ist. Denn sein Fehler liegt nicht im durchaus legitimen Zorn, sondern im naiven Vertrauen aufdieGerechtigkeitder ‚ Herrschaft`,das ihmletztendlichzumVerhängniswird: WeristwohlsoweniginderWelterfahren,umglaubenzukönnen,derVerwalterhabedemgro- benBauerngeantwortet?Gottbewahre!DerFlegelkamin'sLoch,undnachVerlaufeinigerZeit, wußte es der gestrenge Herr so fein anzustellen, daß der abgeschäzzet wurde. Dreimal gieng der Dummkopf zu seinem Grafen, aber dreimal ward er auch, wie billig, abgewiesen: Der Verdruß und die Noth zehrten ihn allgemach ab, und er starb als Bettler: die Bauern behielten den alten Verwalter,undderEselbliebbeiderGemeinde.85 ObPerinets inden1790er JahrenverfasstepatriotischeGesängeunddramatischeFrag- mente als Abkehr von dieser Haltung oder als Weiterentwicklung unter geänderten politischen Bedingungen zu sehen sind, ist schwer zu sagen. Fest steht, dass spätestens mitden‚ Jakobinerprozessen`1794/95(vgl.S.228)dezidiertsozialkritischeLiteraturvon 84 [Joachim Perinet:] XXIX Geheime Korrespondenzen. Ainsi fut accomplie cette parole de l'écriture. Et il a été mis au rang des méchans. Erste und lezte Sammlung. Wien 1787. Zu nden bei Lukas Hochenleitter, Kunst-undBuchhändleramKohlmarktN.1180,S.59f. 85 Ebda.,S.60f.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800