Seite - 220 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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220 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
und den Glauben in die politische Führung stärken sollte. Nach der Linzer Urauffüh-
rung (13. Dezember 1795) kam das Provinzialstück` auch bedingt durch die weiteren
politischenEntwicklungen nurmehrseltenaufdieBühne.
Ein intentional ähnliches patriotisches Stück widmet 1799 Gottlieb Wetzinger, spä-
terTheater-InspektoramStändischenTheaterinGraz, AllenbravenSteyermärkern 94.
Der edelmüthige Obersteyrer oder: Hinter den Bergen wohnen auch Leute! ist gleichfalls
nach dem simplen Muster der Commedia commovente gestrickt, die mit einer Anhäu-
fung an Tugendbeweisen idealtypisches Menschsein vorexerziert. Die Handlung, die
sich großen Theils auf eine wahre Begebenheit 95 gründet, ist mehr oder weniger auf
eine Amtsstunde des menschenliebenden Verwalters Bauernfreund beschränkt, in der
ein Liebespaar die Einwilligung des Brautvaters bekommt, zwei Bauern vor dem Bank-
rott gerettet werden und ein verarmter Of zier ein neues Zuhause ndet, jeweils durch
moralisch herausragenden Verzicht auf den persönlichen Vorteil. Auch wenn die Rol-
lentexte stark am Standard orientiert sind, macht eine Vorbemerkung im Druck die
tatsächliche sprachliche Realisierung unmissverständlich klar: Außer dem Verwalter,
dem Schreiber, und dem Fremden reden alle Personen in Steyerischem Provinzial-Dia-
lecte; so wie sie auch alle in Steyerischer Bauerntracht gekleidet sind. 96 Allzu viele
AufführungenwirdaberwohlauchdiesedramatischeKleinigkeitnichterlebthaben.
BrüchigeOrdnung:Protest-und
Revolutionsgesänge/Wildschützen-undRäuberlieder
Enkomiastische Dichtung ist keine Literatur, die man lange suchen müsste. Sich für die
bestehende Herrschaft zu deklarieren erfordert keinen besonderen Mut, verspricht För-
derung und Drucklegungsmöglichkeiten; die künstlerischen Erzeugnisse werden von
den Besungenen in der Regel gewürdigt und in Bibliotheken und Archiven aufbewahrt.
Dichtungaber,indenenUntertanensichgegenihreHerrschaftauflehnen,ihreEntschei-
dungenodersogarihreLegitimität inFragestellen,bleibtnurseltenderNachwelterhal-
ten.KaumeinVerlegergehtdasRisikoein,solcheTextezudrucken; ndetsichdochein
Drucker für diese gefährliche Tat, bleiben die Schriften zumeist bloß als corpora delicti
in den Akten erhalten. Die eigentlichen Adressaten hüteten sich, das belastende Mate-
rial in den eigenen vier Wänden aufzubewahren, lernten es auswendig und gaben es,
nachdem die Quelle wohl vernichtet worden war, mündlich weiter. Meistens aber war
diese Dichtung ohnehin nie für den Druck vorgesehen, sondern sollte von Mund zu
Ohr weitergetragen werden und so ihre subversive Wirkung entfalten. Diese bewusste
Mündlichkeit,diedezidiertoraleKonzeptionsystemkritischerLiteratur legteinebeson-
94 [Gottlieb Wetzinger:] Der edelmüthige Obersteyrer oder: Hinter den Bergen wohnen auch Leute! Eine
dramatischeKleinigkeit ineinemAufzuge.Grätz, [o.V.]1799,S.2.
95 Ebda.,S.3.
96 Ebda.,S.4.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen