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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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BRÜCHIGE ORDNUNG: PROTEST- UND REVOLUTIONSGESÄNGE/WILDSCHÜTZEN- UND RÄUBERLIEDER 227 unglimpfungderRevolutionundfürsystemaf rmativeAgitationsowiedieAufspürung derverbotenenHausdruckereien. Die Demokraten mussten deshalb eigene Strategien entwickeln, ihre Ideen unters Volk zu bringen. Da es kaum noch Druckmöglichkeiten gab, legte man den Fokus auf mündliche Weitergabe und handschriftliche Vervielfältigung; dementsprechend präg- nant sollten die Aufrufe und das politische Informationsmaterial auch formuliert sein. Gerne orientierte man sich dabei an bekannten Textsorten, etwa am Frage-Antwort- Schema des Katechismus, das jetzt für politische Grundbekenntnisse genutzt wurde, man ngierte Gebete mit antikirchlichem, antiaristokratischem, aufrührerischem In- haltodermandichteteLiederaufbekannteMelodienbzw.dichtetebekannteLiederum. So wissen wir etwa von einer revolutionären Fassung des äußerst beliebten dialektalen Kohlbauernbualieds, das ein Pfarrer umstürzlerisch umgedichtet haben soll.105 Solche leichtauswendiglernbarenLiederaufbekannteMelodiengarantierteneineschnelle,un- auffällige Verbreitung und schützten zu einem gewissen Grad vor Verfolgung, da man nichts Schriftliches in der Hand hatte. Ironischerweise sind uns deshalb diese brisanten Texte, wenn überhaupt, zumeist nur als Abschriften in Prozessakten und Zensurdoku- mentenüberliefert– soauchdasradikalsteösterreichischeRevolutionslieddes18. Jahr- hunderts,dassogenannte‚ Eipeldauerlied`, indenGerichtsdokumentenauch‚ Hauerlied` genannt.106 Das Lied, das in seiner dialektalen Gestaltung offenbar Assoziationen mit Richters populärster Kunst gur und deren meinungsbildenden Ein uss evozieren wollte, ver- suchtedieweitverbreiteteUnzufriedenheitderArbeiterunterschichtenfürdasUmsturz- programm der bürgerlichen Intellektuellen zu nützen. Im Fokus der Anklage stehen die 105 Vgl.Körner,DieWienerJakobiner,S.13.DierevolutionäreUmdichtunghatsichausnaheliegendenGrün- den nicht erhalten; aber auch die unpolitische Fassung ist derzeit interessanterweise nur in einem späten, sicher nicht in Wien entstandenen Flugschriftdruck überliefert, wo das Bairisch-Österreichische mit an- derenDialektein üssenkontaminiert ist: 1 Bin iaschönerKohlbauernBuaherasa, a schönerKohlbauernBua,herasa, HeuundStrohhobmergnoug, bin inita schönerKohlbauernBua,KohlbauerBua. 2 Hobinit schöiniSchöilaan,dasstait rar, sindnit schöiniSchnelladron,herasa, HeuundStrohhobmergnoug, bin inita schönerKohlbauernBua,KohlbauernBua. [...] DiebescheideneÜberlieferungslagedessehrsangbarenLiedsverwundert, erwähntSonnleithneresdoch in seiner Hafner-Gesamtausgabe als Beispiel für eines der allgemein bekannten, von den Liederfrauen verbreiteten Lieder, das – wie „ ey, du schwarz Mauserl'“ – deutlich älter sein soll als „ a Schüsserl und a Rein'l“ (siehe Kap.7, S.522). Vgl. Philipp Hafner: Gesammelte Schriften. Mit einer Vorrede und An- merkungen, vorzüglich über die Oesterreichische Mundart. [Hg. von Joseph Sonnleithner]. 3.Bd. Wien: BaptistWallishausser1812,S.111. 106 Vgl. Walter Grab/Uwe Friesel: Noch ist Deutschland nicht verloren. Eine historisch-politische Analyse unterdrückter Freiheitslyrik von der Französischen Revolution bis zur Reichsgründung. München: Han- ser 1970, S.44– 46. – Hans Werner Engels: Lieder und Gedichte deutscher Jakobiner. Mit einem Vorwort von Walter Grab. Stuttgart: Metzler 1971, S.127f. – Grab, Ein Volk muß seine Freiheit selbst erobern, S.401– 427.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800