Seite - 228 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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228 HERRSCHAFT UND UNTERTAN
privilegiertenStände,diedasVolkunterjochenundinihrer Hoffart`dierevolutionären
Franzosen bekämpfen. Ihnen solle es gleich ergehen wie dem verkommenen Faulpelz
Ludwig XVI., der wie die russische Zarin die Rechte des einfachen Volkes massiv be-
schnittenhabe.DasVolkaberhätteauchhierzulandedieMacht,würdeessichnichtdie
Gängelunggefallen lassen.AuchderKaiserpersönlichwirdalsunmündigesKinddiffa-
miert, das mit dem Adel gemeinsame Sache macht; das Schicksal des Franzosenkönigs
könntedemnachauchihmdrohen.WerdieeigentlicheZielgruppedesLieds ist,wird in
der elften Strophe klar: Lastenträger, Schiffleute und Bergmänner, Holzfäller und Koh-
lenbrenner, Handwerker und Bauern also der produktive Teil der Bevölkerung, ohne
den dieWirtschaft zusammenbrechenwürde undder verachtetund vonder Bürokratie
anderkurzenLeinegehaltenwird.FürdieseAbhängigkeitsverhältnissegebeesnureine
radikaleLösung dieBeseitigungderRegierungundihrerGetreuenmitGewalt.Kaum
wo ndet sich im 18. Jahrhundert ein ähnlich unmissverständlicher, in Verse gefasster
AufrufzurGewaltandenOberen.
Das Eipeldauerlied` entstand im Umfeld eines Wiener Intellektuellenkreises, der
enttäuscht vom repressiven Regierungsstil Franz' II. mit der Französischen Revolu-
tion sympathisierte. Zu diesem Kreis um den Magistratsrat und früheren Lehrer des
Kaisers, Andreas von Riedel, zählten auch namhafte Autoren wie Aloys Blumauer oder
Joseph Franz Ratschky. Hauptverfasser des Lieds war der Of zier und Ideologe der
Wiener Jakobiner, Franz Hebenstreit (1747 1795), der mit seiner Dichtung die über-
wiegend analphabetischen unteren Volksschichten ansprechen wollte.107 Noch ehe es
jedoch Breitenwirkung erreichen konnte, wurden die Wiener Jakobiner verraten und
unter dem Vorwurf, eine Revolution zu planen, festgenommen.108 In den langwierigen
Verhören, die vor allem auf die Frage abzielten, wie verbreitet das Lied bereits war, ge-
stand der Lemberger Polizeikommissar Franz Xaver von Troll, die radikalen Strophen
2 und 3 hinzugedichtet zu haben. Hier nun eine vollständige Fassung, die dem Of zier
undKriegsgerichtsaktuarKajetanGilowskybei seinemVerhörvorgelegtwurde:
1
Wasdenktsenkdenn,daßgarsoschreyts
Undallesaufd'Franzosen.
DenLinelhabensköpft Janumifreut 's,
Erwarschlechtbis ind'Hosen. 2
HeuthaternVolkainEydgeschworn,
Morg'nhaternwiederbrochen,
D'Freyheitwar ihm'nAugenainDorn
'SVolkwollt erunterjochen.
3
Drumfortmit ihmzurGuillotin
DennBlut fürBlutmuß ießen,
Hättmannurahier soaMaschin,
Müßt'smancherGroskopfbüssen. 4
SchautsnurdieRussischKathelan,
Dieenkitzt ist soheilig
Hat'snitdenKaiser ihrenMann
abg'setztundg'mordtabscheulig.
107 Vgl.AlfredKörner:FranzHebenstreit (1747 1795).BiographieundVersucheinerDeutung.In: Jahrbuch
des Vereines für Geschichte der Stadt Wien 30/31 (1974/75), S.39 62. Alexander Emanuely: Ausgang:
FranzHebenstreit (1747 1795).SchattenrissederWienerDemokrat*innen1794.Weitra:VerlagderPro-
vinz2009.
108 Vgl.Grab,EinVolkmußseineFreiheit selbsterobern,S.424f.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen