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262 LAND- UND STADTLEBEN
HirtenundSennerinnengibteszentraleMotivevor,dieim19.und20.Jahrhundertzum
Grundrepertoire alpenländischer Folklore gehörten, wie sie von den Nationalsängern`
inweiteTeiledesdeutschenSprachraumspublikumswirksamexportiertwurde.VielEr-
fahrung mit Dialektverschriftlichung (bzw. mit dem Bairisch-Österreichischen an sich)
scheint der Setzer dieser Lieder ugschrift nicht gehabt zu haben, wie die zahlreichen
sinnentstellendenFehlerundInkonsequenzenvermuten lassen:
1
ALl ihrBuebmätreibtszusambä/
SchaaffundSchweinwas immerhabt/
AuffdenschönenkohrnSambä/
Treibmirauffthe indenSchatt/
Auffder laugaAelma/
HaltdasRoßlKhälma/
AfftkimbtädäJodlkrad/
Mit seingrossnDudl-Sack. 2
WannmäsäninSchattegelegn/
DaßunsthutderArschschierwehe/
Dagiebsehrtäumbdagängn
GlattaFlöhgleich indahehe/
UnsaViehthutgrassn/
MiraberauffdenWassn/
Nimbtein jederseinGredlkrat/
DantzenainsbeymDudl-Sack.
3
Morgensemirauff thunstehn/
Hörnmirofftvonfehrn/
DaßschondMenscher indAlmagehn/
KhüundOxnblährn/
WannwiraußdenHüttngehn/
Schwageringarvilldastehn/
Wenckiainerher inSchatt/
Pfeiff ihrainsauffnDudl-Sack/ 4
Wanni ihrhabp ffagnug/
Thutsie syschönaign/
Sagtzumirmein liebaBue/
Kimzumir indSchwaign/
Schmalzkhosolstuhabn/
Darffsdichnit soblagn/
GehnurneinohnalleFrag/
VergißnurnitdenDudlsack:
5
WannderSamstakimbtdahe/
GehnwirzudenBaurn/
Nehmaunszessndaßwirbstehn/
UnddurchdWochathaurn/
WanndieNachtamHimmelsteht/
Ein jederzuseinMenschngeht/
Weithgehn/achtmafürkainiPlag/
WannmirhabndenDudlsack. 6
KaiFürstkanso lusti löbn/
Auffder langabraidnWelt/
AlswirHütter-Bubmthunlöbn/
WannmirhabnschonweniGelt/
SchlaffmainderRuhe/
BrauchnnitvilSchuhe/
NehmesHornundnDudelsack/
DudlndudlnauffdengantzenTag.20
1,3 kohrn Sambä] Kornsamen (?) 1,4 auffthe] wohl Druckfehler für: auffhe 1,5 lauga] wohl Druckfehler
für langa` 1,6 Roßl] Röschen Khälma] Kälber, Kalbinnen 1,7 Afft] dann ä] auch 2,6 Wassn] Wiese, Rasen
3,3 dMenscher] die Mädchen 3,6 Schwagerin] Sennerinnen 4,4 dSchwaign] Almhütte 4,5 Schmalzkho] Süß-
speiseausGries,MilchundSchmalz5,4 thaurn]auskommen,genughaben
Noch in der heutigen Volkskultur und volkstümlichen Unterhaltungskultur wirken die
Residuen dieser offensichtlich bereits sehr früh lancierten Standesidyllen nach, die Be-
dürftigkeit als Bedürfnislosigkeit einer ewig jungen Gesindeschicht interpretierten und
längerfristigesozialeKonsequenzendespropagiertenfreienLebensvölligausblendeten.
Diskursiver angelegt sind Kompilationen von Bauernklage und Bauernlob wie Jezund
kanIchsnihmerleydn.Indiesem17-strophigenZwiegesprächwerdenHieslsKlagenund
20 Drey schöne neue Weltl. Lieder / Das Erste: Von deß Bauren Schaaff und Schwein / etc. Das Andere: Ein
sehr fröhlich Feld- und Bauren-Liedlein / von einem hertzhafften Bauern-Knecht. In der Melodey: Hänßl
geht voller Couraschi ins Feld. Das Dritte: Was denckt ihr doch die Braut / wann kommt ihr Hochzeit-
Tag/da ist ihrKopff /etc.Gedruckt imJahr/1703, f. 1v 2r.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen