Seite - 264 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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264 LAND- UND STADTLEBEN
das bäuerliche Ich als intellektuell und moralisch überlegen fühlt. Zudem werde den
emporkömmlerischen Herren` die Ausbeutung des Bauernstands nach dem Tod zum
Verhängnis:
12
Stöcktoft indäJoppendrin,
waßdHerrnhamtkäminSinn,
ich lachmämeinWampenvoll,
wanni:dHerrnbetroigenkanndoll. 14
LaßmichschindtenbisäfsBain,
fahr inHimmelnosorain,
meiniHerrn,däBaurn-Schwaiß
machtenkaufdäNachfahrthaiß.22
12,1 Joppen] einfache Bauernjacke 12,2 hamt käm] haben kaum 14,4 enk] euch Nachfahrt] Aufnahme der
Seele imHimmel
Vor allem die irdischen positiven Aspekte stehen im mehrfach überlieferten Juhe! wie
lusti iß nöt auf der Baier im Zentrum, das wohl in den 1780er oder 1790er Jahren
im oberösterreichischen Raum entstand, wie sich nicht nur aus der Überlieferungs-
situation, sondern auch aus dem einen oder anderen Hinweis auf josephinische bzw.
postjosephinische Reformen vermuten lässt (vgl. etwa 5,5). Zwar werden aus der n-
gierten Perspektive eines Bauernknechts neben den Vorteilen wie dem reichhaltigen
Essen oder dem Arbeiten in der Natur auch Nachteile und Schwierigkeiten, insbeson-
derediephysischeAnstrengung,angesprochen.DieSchlussfolgerungdesSängersbleibt
aber, dass er nichts wolle als Knecht bleiben das Herrnlöbn würde ihm gar nicht
gefallen. Möglicherweise ist dieses demonstrative Festhalten an der gegebenen hierar-
chischen Gesellschaftsordnung als Reaktion auf die Französische Revolution mit ihren
ForderungennachGleichheitundBrüderlichkeit zusehen.23
1
Juhe!wie lusti ißnötaufderBaier,
imöchtkainGrafundkeinStadtherrnötseyn;
inallerFrühschondafressenmaaSeya,
kimmtderMittag, sogiebtsSchobernundBrein,
aftumadreyumikimmtwidad'Jausen,
aft setzenmäunswidazamazumTisch,
fressenbisdaßmäthunkeichäundpfnausen,
undasosamahübschrebiundfrisch.
2
Indafrüh,wannunsäHaushannthutkrähn,
aftwirimuntäundgametzamal,
thu imiranzen,hübschgütlaumdrahn,
bis ihörd'Ochsenundd'KüehschreynimStall;
aftwanniaufsteh, so thuimig'sönga,
daßmäkainHexundkeinG'spenstelnit schadt,
unddaßmaakannkainTrudnötbegegna,
imagaftausgehnfrühodäspat.
22 OberösterreichischesVolksliedwerk,HL379a, f.5r.Erstediert inChristianNeuhuber: MeinGott,warum
hast das Rabm Vieh erschafen ... Lindemayriana et al. in den Liederhandschriften HL 379a und HL
379b des Oberösterreichischen Volksliedwerks. In: Streifzüge 2. Beiträge zur oberösterreichischen Musik-
geschichte. Hg. vom Oberösterreichischen Volksliedwerk/Volksliedarchiv durch Klaus Petermayr. Linz:
Oö.Volksliedwerk2011,S.109 124,hier113f.
23 Vgl.Klier,Linz imLiede.Nachträge,S.363.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen