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KOMISIERUNG UND DISKREDITIERUNG LÄNDLICHER TYPEN 273
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Bin idahuemmasobin init faul
sag feimei sachlwiesmir istvmbsmaul
bin ibeymP ögäsoschautermiah
das ihnhaltnonit recht Ierznkoh. 9
Drin inderstatt sogarderstattbittl
will vonaimhabnseinbirendentittl
bey ins imdorffda istesaiModl
JäckhlhaisstdiserderanderschlötßJodl.35
8,3 P ögä] P eger (Gerichts- oder Distriktsbeamter) 8,4 Ierzn] ihrzen`, d.h. mit Ihr` ansprechen 9,1 statt-
bittl] Stadtbüttel (Gerichtsdiener) 9,2 birenden] gebührenden 9,3 ai Modl] ein Model, hier etwa: bei allen
gleich9,4 schlötß] schlechthin
Im Verlauf des Lieds allerdings bekommt die anfangs noch relativ neutrale Gegenüber-
stellung von Lebensbedingungen und Bräuchen eine deutlich ironische Note; im Dorf
etwa könne man sich nicht vergehen, da es ohnehin nur vier oder fünf Häuser gebe.
Derb wird die Komik, wenn gegen Ende das ungeschliffene bäurische Verhalten mit
demsozialdiszipliniertenStadtemp ndenkontrastiertwird:
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Sodarff indenStättnkuenfurtzaine thue
Soll inverhaltn, i thuesnitNuäNuä
istmirainanoth imdorff lassn fahrn
dathuetmoanandädesstwegnnitgfharn. 11
DieAppodöggn,diemiest igleyMaidn
dösslgstanckhkunt idogarnitvölaidn
schmöckhliebäanrossoderkhiep fferling
alsbalsmvndbismfragnichtsnachdemding.
12
Nägstgieng ivoribädodätsmiastinckhä
das iaidonmachtdarnidermiest sünckhä
Wandasmamirnitgleyankhietröckh
agstrichä
Imainadtäffmeinaid,werdes todtsverblichä. 13
Dössldinghatmar iagschlagninglider
dasmir leichtlichkuntetwasseyzwider
mitaimWortmächtwohneninstättnnitdrin
Vil liebä inmeinerhuemat ibin.36
10,4 gfharn] gefährden, etwas Schlechtes tun 11,1 Appodöggn] Apotheke 11,2 dössl] dieser 11,3 schmöckh]
rieche 11,3 khie] Kühe/Kuh- 11,3 p fferling] hier: Mist, Kot 11,4 balsm] Balsam; häu g allgemein für
Wohlgeruch 11,4 bism] Bisam: Moschus 12,1 Nägst] kürzlich, neulich, unlängst 12,3 khietröckh] Kuhdreck
12,4 mainadt]meinte,würdemeinen meinaid]meinEid,beimeinemEid!,wahrhaftig13,2 zwider]zuwider
Im selben Codex überliefert ist auch ein Lied, dessen eingängiges Grundschema sich in
teils stark abweichenden dialektalen und standardsprachlichen Adaptionen über Jahr-
hunderte im Volksgesang hielt: In einer Gemeinderatssitzung nach Feierabend berat-
schlagen Bauern
wie die gstudierte Leüth 37 über die Notwendigkeiten des dörflichen
Miteinanders.DieeinleitendeFrage
WasbrauchtMainvnsermdorff wirdmitschein-
baren Trivialitäten beantwortet, die nicht nur ein pittoreskes Genrebild zeichnen, son-
dernauchaufschlussreicheKon iktfelderdesZusammenlebensamLandfreilegenkön-
nen:
6
WasbrauchtMainvnsermdorff
äMilndienit staubt,
anMillnerdernit raubt,
anbottn,derniehatgelogn
anKauffMann,derniehatbetrogn
disbrauchtMainvnsermdorff. 7
WasbrauchtMainvnsermdorff
anschneidämitdergaiß
dervmbkai stelnwais
anNoderndieä Jungfrau is
ähebamdievmbdsachwollwist
disbrauchtMainvnsermdorff.
35 Ebda.,S.210.
36 Ebda.,S.210f.
37 StaatsbibliothekzuBerlin,Ms.germ.oct.230,S.214.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen