Seite - 278 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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278 LAND- UND STADTLEBEN
ist, so ainer dem Andern auß Zorn in den barth greifft; soll er dem belaidigten zur Straff 6.
dallererlegen;ErhateuchJaaußZornindenbarthgriffen?
Wästl. Ja ichwoltsmain,weill ermichgschlagnhat,vndhatäsöltesgrausambstürmischgsicht
gegnmirgmacht.
Riepel. höbäPaurmitdendoctorenan.vndwansoll ichsgebm?
Doctor. Wan ihr ihms Morgen vmb dise Stundt nit erlegt werd haben, so seith ihr vermög der
Rechten,12.dallerverfallen.
Riepel. daß Gott erbarm! wo wirdt ich 6. daller Nemmen? heitt ichs Keibel in GottsNamb gehn
lassen.
Wästl. gehehinSchleckhbärtl [...]45
Keibel]Kalbheider]kurzfür:Bärenhäuter(Schimpfwort)Pinckhl]hier:RückenKroissen]Krebsevorschmä-
zen] vorschwätzen Partus Sequitur Uentrem] (lat.) das Neugeborene folgt der Mutter blazt] geschlagen,
unsanft gegriffen qui sentit Commodum; sentiat et onus] (lat.) wer die Vorteile genießt, soll auch die Nach-
teile tragen türmisch]wild, zornig höbäPaur] fangeeinBauer Schleckhbärtl]kindlicherSpottruf
Prügeleien sind ohnedies eines der Lieblingsthemen des barocken Bauernspotts. Eine
äußerst anschauliche Szene bringt Des Paurn Mündtliche provocation für seinen P eger
wider deß Gerichtschreibers gegebnen Abschidt, das in genetischer Nähe zu Daß Paurn
werch ist nichts mehr werth steht. Es ist ein Prosamonolog, in dem einer der vom Ge-
richtsschreiber verurteilten Raufbolde seine verquere Sicht der Dinge in einer Weise
schildert, die beim damaligen Publikum den Lacherfolg garantierte, dem heutigen Le-
ser zudem aber bei aller satirischen Verzerrung interessante Einblicke in die bäuerliche
Geselligkeitskultur gibt. Die Mündtliche provocation ist uns in zwei bereits angespro-
chenen Quellen überliefert. Die folgende Fassung entstammt wieder dem Codex mit
Weihnachtsspielen der Staatsbibliothek zu Berlin46 und ist eine für die zweite Hälfte
des 17. Jahrhunderts überraschend kompromisslose, standardferne Literarisierung ei-
neswestmittelbairischenDialekts,dermitseinenVokalisierungen,Assimilierungenund
Verschleifungen,mitApokopenundSynkopen,mitderberLexikundIdiomatikwesent-
lich authentischer wiedergegeben ist als in zeitgleichen Werken der Mundartdichtung.
So mündlichkeitsnah ist der Scherzmonolog gestaltet, dass offenbar schon die Kopisten
dieser wohl im heutigen Innviertel entstandenen Dichtung ihre liebe Mühe hatten und
Unverständlichesersetztenoder tilgten:
45 Ebda.,S.93 95.
46 Staatsbibliothek zu Berlin, Ms.germ.qu. 1327, f. 114r 117r. Erstediert wurde das Werk allerdings aus
der Handschrift des niederbayerischen P egerichters Andreas Mayr (Universitätsbibliothek Tübingen,
Md 290), vgl. Rowley, Erste Paurn Clag und ander Paurn Clag , S.38 40 und noch einmal (in der-
selbenFassung)beiRowley,
WaßsyzLanzetzuehat tragn`,S.26f.KeinederbeidenFassungenscheintdas
Original zu sein; etliche sinnentstellende Abschreib- und wohl auch Verständnisfehler in beiden Texten
sprechen dagegen. So muss auch Rowleys Einschätzung, das Werk sei in der Landshuter Gegend entstan-
den, noch einmal überdacht werden zumal die Ortsangaben in den nachgetragenen Texten wohl eher
ins(damalsnochbayerische)Innviertelverweisen.HagersVermutung,derVerfasserderHandschrift,An-
dreas Mayr, habe hier einen Einblick in seinen Berufsalltag gegeben, wird sich wohl kaum veri zieren
lassen, vgl. Stephan Hager: Mießig sein ist nit mein Freud
. Beamtenethos und Poesie im Werk des nie-
derbayerischen P egrichters Andreas Mayr im Kontext des oberdeutschen Literatursystems der frühen
Neuzeit. In: Verhandlungen des Historischen Vereins für Niederbayern 127 128 (2001 2002), S.51 210,
hierS.171.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen