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KOMISIERUNG UND DISKREDITIERUNG LÄNDLICHER TYPEN 291
AmynthasundderPardonierungPeterls,deralsKüchenjungeeingestelltwird,endetdie
Komödie.
DerStoffdesplötzlichanderGesellschaftsspitzestehendenUnterschichtlerserfreute
sich so großer Beliebtheit, weil er sich durch die Antagonismen von Sein und Schein,
von Anspruch und Realität, von Hoch und Niedrig, von Fremd- und Selbsttäuschung
über alle komischen Implikationen hinaus als moralisches Exempel ebenso verstehen
undverarbeiten lässtwiealsFürstenspiegel,BauernschelteoderauchalsLebensparabel.
ÜberElensonsStückkönnteernichtnurEinzuginsHoftheater,sondernauchwiederzu-
rückaufdiekirchennahenBühnengefundenhaben,woerschonim17.Jahrhundertmit
Jakob Masens lateinischem Erfolgsstück Rusticus imperans beheimatet war. Denn auch
der Salzburger Tuchhändler Ignaz Anton Weiser (1701 1785) mag Zuseher einer Wan-
dertheater-AdaptiondesFlüchtigenVirenusgewesensein.DerspätereBürgermeisterder
StadtundMozart-LibrettistmachtegemeinsammitdemHofkapellmeisterJohannErnst
EberlinabMitteder1740erJahremundartlicheIntermedienmitderbkomischenHand-
lungen auf dem benediktinischen Universitätstheater und dem Hoftheater populär und
initiierte damit eine äußerst fruchtbare Spieltradition auf den süddeutsch-österreichi-
schen Klosterbühnen.67 In seinem witzigen Singspiel Der Wachend-träumende König
Riepel (1748) erhöht Weiser noch die derb-drastische Komponente des Stoffs, indem
der trunksüchtige Bauer zunächst im handgreiflichen Streit mit seiner entnervten Ehe-
frau Dreischl gezeigt wird, ehe er sich mit einem vermeintlichen Gift bewusstlos trinkt
und von seinem entsetzten Sohn Hansl für tot gehalten wird. Vom
Tisch-Rath` Bibax
heimlich ins Haus des reichen Germanus gebracht und herrschaftlich gekleidet, glaubt
Riepel sichzunächst imHimmel,eheervonBibaxundseinenLeutenimVereinmitder
fürwitzigenTochterdesTrunkenbolds,Gredl,alsvermeintlicherKöniganderNaseher-
umgeführt wird. Ein Vergleich der entsprechenden Szenen erweist Weiser als Meister
seinesFachs,deralleMitteldeskomischenSpiels souveräneinzusetzenwusste:
ScenaIII.
BibaxunddieLaquayenrichtendasLavor,Glöcklein,dieKleyderundandereszurHand,da indes-
senderMorgen-Seegengeblasenwird,darunterRieplallgemacherwachet.
Riepl. Ashotoach idarEwigkoat
HoltakoarechtöRue:
Ihonawall schoolsa toudaglost,
Woasdeartnöt,woßbedeut:
Sandsd'Jaga odatreibnsgehnauß:
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So thuets soschönötsprecha:Ersihet sichumb
Ibiholt, roat ima, inHimmelahadopt:
Denngstueröbmbin ido,döswoas i.GreifftdasBeth,unddenSchlaff-Rock.
Igreiff joüberollmeiwutzl-lindöSeel:
S'Fegfoyahoniaduecht idaWelt schoghobt:
67 Vgl. Boberski, Das Theater der Benediktiner, S.142. Christian Neuhuber/P. Altman Pötsch, OSB: Pla-
cidus Fixlmillners Dialektsingspiel Astrologus (1746). In: Streifzüge III. Beiträge zur oberösterreichischen
Musikgeschichte.Hg.vonKlausPetermayrundAndreasLindner.Linz:Oö.Volksliedwerk2013,S.67 86.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen