Seite - 295 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 295 -
Text der Seite - 295 -
KOMISIERUNG UND DISKREDITIERUNG LÄNDLICHER TYPEN 295
Raum auch stehende`, also bürgerlich-institutionalisierte Theater in der Reichshaupt-
stadt Wien setzte auf rustikale Mundartrollen als Publikumsmagneten. Schon der be-
rühmte
Wiener Hanswurst`, Joseph Anton Stranitzkys Adaption einer Traditions gur
der deutschen Lachkultur, nützte als Salzburger Sauschneider` das komische Potential
regio- und soziolektaler Differenzen. Und auch seine Derivate im süddeutschen Spaß-
theater, die im Zuge des von staatlicher Seite erzwungenen Domestizierungsprozesses
an kreatürlicher` Komik im Sinne Bachtins verloren, setzten in vielen Stücken auf die
erheiternde Wirkung von Idiolekten typisierter Dörfler. Ein ausgesprochenes Erfolgs-
stückindieserHinsichtwaretwaJohannJosephFelixvonKurz'BurleskeBernardonder
30 iährige A,b,c, Schütz: oder Hanswurst der reiche Baur und Pantalon der arme Edel-
mann (1754), das unmissverständlich auf einer Vorlage des Théâtre Italien (Arlequin
écolier ignorant) basiert und mit Umarbeitungen mehr als ein Jahrhundert das Publi-
kum begeisterte.72 Bernardon, Trademark des Autors, verkörpert hier die Rolle eines
30jährigen Bauernsohns, dessen Vater Hanswurst reich geworden ist und seinen Sohn
nun in die bessere Gesellschaft einheiraten möchte. Dieser aber ist nicht an Pantalons
Tochter Rosaura, sondern an der Haubenmacherin Colombina interessiert, der er denn
auchseineAufstiegsgeschichte imdeutlichbäurischenIdiomerzählt:
Bernardon. [...]wiemir2ochsenmiteinanderhinaußgefahren,undschoneinpaarmahlauff
und ab spaziert seyn mit dem p ug (der ochs und ich, so habe ich nicht mehr können, so sagt
meinVatter, ichsollnurnochäpaarmahlauffundabgehen)ichhabg'zogenwieäochßdamit
dem bläsel nicht zu hart geschehe, dan man mus doch auch ein mitleidentliches herz haben,
und man weis nicht allzeit was einem noch geschehen kan: Endtlich die zwey ochsen kunten
nicht mehr weiter, dan wir seynd an ein stein, da haben wir d'stein wegweltzt: jezt kombts
beste:dahatmirg'seheneingrosßeeiserne truhen.
Colombina. vollgeldvilleicht?
Bernardon. es waren über 600000 millionen thaler drin: ich hab gleich gemerckhet daß dise
truhen schwer seyn wurde, dan ich bin allzeit ohne mich vill zu rümen ein kirniger bue gewe-
sen[...].73
mir]wir bläsel]Ochsenname
Zu Bernardons Glück verhelfen ihm der Kaufmannssohn Horatio, der in seine Schwes-
ter Angola verliebt ist, und Flavio, Liebhaber der Rosaura. Erwartungsgemäß endet das
StückmitderAnkündigungvondreiHochzeitennebstPrügelandrohungfürBernardon
vonSeitenseinesVaters.
Nach Kurz' Abgang aus Wien kam eine (deutlich weniger dialektale) Überarbeitung
unter dem Titel Hr. von Eselbank der dreyßig-jährige A. B. C. Schütz in den Druck, die
72 Vgl. Andrea Brandner-Kapfer: Johann Joseph Felix von Kurz: Das Komödienwerk. Historisch-Kritische
Edition. Graz 2007 [Diss.], S.338 365. Zu den Adaptionen vgl. Beatrix Müller-Kampel: Die 30-jährigen
ABC-Schützen. In: Kasperls komische Erben. Thaddädl, Staberl, Kratzerl & Co. Wiener Volkskomödie
im Wandel. Von der Typenkomik Anton Hasenhuts bis zur Charakterkomik Ferdinand Raimunds. Graz:
LiTheS 2012. (http://lithes.uni-graz.at/0.2pt plus0.2pt minus 0.2pt kasperls_erben, letzter Zugriff am
20.05.2018) David McShane/Matthias J. Pernerstorfer (Hg.): Der 30-jährige ABC-Schütz. Text, Musik
und szenische Praxis im Wiener Volkstheater. 2. Band: Klavierauszug, Wien: Hollitzer 2011. (Don Juan
ArchivWien:Theatralia II).
73 ÖsterreichischeNationalbibliothek,Cod.13193Han, f.49v 50r.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen