Seite - 302 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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302 LAND- UND STADTLEBEN
schließlich sehr eindringlich, deutlich und regelrecht aggressiv die Wertschätzung der
Webereingemahnt:
aber ikanenkhssagn:
dwebermüests inEhrenhabm:
werdweberveracht:
derwirdvongotgestraft.88
Es sind also Texte, die auf einem intakten Gemeinschaftsgefühl beruhten, wie es durch
die Zunftorganisation gegeben war, und es zugleich stärkten. Denn indem der Ge-
sang die Besonderheit des jeweiligen Stands oder Handwerks, seine Attraktivität und
Rolle im alltäglichen Leben herausstreicht, schafft und bestätigt er Identität und zieht
Grenzen zu anderen Berufsbereichen. Dass dies durchaus auch heitere und scherzhafte
Komponenten umfassen kann, belegt ein Lumpensammlerlied aus derselben Sammel-
handschrift, deren Schreiber Philipp Lenglachner (1769 1823) im bayerisch-österrei-
chischenGrenzgebietebendiesemLebenserwerbnachging.VielleichtisterauchVerfas-
serdesLieds, indemein Haderlump` seinDaseinundLebenbesingt,dasvonBekannt-
heit und Beliebtheit geprägt sei eine selbstironische Ausdeutung, weiß man um das
zweifelhafte Renommee des fahrenden Volks.89 Aus dem Straßenbild des 18. Jahrhun-
derts freilich waren diese Kleinhändler, die ihren Lebensunterhalt durch das Sammeln
bzw. Erkaufen von Gewebeabfällen und -resten verdienten, die dann für die Papierpro-
duktion an entsprechende Mühlen verkauft oder gegen Naturalien getauscht wurden,
nicht wegzudenken. Da die Papiermühlen auf Nachschub von verarbeitbaren Textilien
angewiesenwaren,warenihreschonaufgrundderunhygienischenBedingungenverru-
fenenDienstedurchausgefragt:90
1
EinhaderlumpBin ichgenant,
einhandls-manganzwohlBekandt,
einManvonRärenwahren,
dieweiberwerndserfahren,
haderlumpistdä lump,
haderlumpbleibstein lump,
haderlumphaderlumphaderlump,
ichbineinhaderlumplumplump, 2
Ihralteweiber inderstadt,
glaubtszamweralti lumpenhat,
dökleinundädögrossen,
dieweissenunddieschwarzen,
haderlump:etc:
88 Ebda.
89 Ähnliche Beteuerungen nden sich etwa auch in den Ölträgerliedern, vgl. Kapitel 5. Rapp spricht im
ZusammenhangmitdenWanderhändlertypenvoneinem SpannungsfeldvonAußenseitertumundPopu-
larität,vonDeklassierungundHeroisierung (ChristianRapp:WienerTypen.ZurEr ndungundKarriere
eines Soziotops. In: Wolfgang Kos/Christian Rapp (Hg.): Alt-Wien. Die Stadt, die niemals war. Katalog
zur Ausstellung im Wien Museum, 25. November 2004 28. März 2005. Wien: Czernin 2004, S.142 150,
hier143),das letztlichauchdas langeFortlebendieserFigurenförderte.
90 Offensichtlich herrschte zeitweise auch ein derartiger Mangel an ausreichend Hadern, dass mitunter Ver-
suche angestellt wurden, diese durch anderes Material als Grundlage zu ersetzen vgl. hierzu etwa: Jacob
ChristianSchäffer:VersucheundMusterohnealleLumpenoderdochmiteinemgeringenZusatzedersel-
benPapierzumachen.Regensburg[o.V.]1765.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen