Seite - 306 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 306 -
Text der Seite - 306 -
OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR
306 LAND- UND STADTLEBEN
Schraufftmersgar fein
InsRösselein
dasingtdieLäng-Sag:diePrazschipratschi!
daraufpfeifftdieSchließ-Sag: ißprizschiprizschi!
Nach lastmernDrähBohrergehn
dannp egetdieRaspelzuschreyen: fei schön, feyschön!
Hernacher
Verzapftmers,verleimtmers,verschmiertmers,
Verkeiltmers,verputztmers,verziertmers
Undsowirdsgemacht
daßanemsHertz imleib fürGescheidheit lacht.96
1,5mern]mandenKnecht]Zwinge,Klammer1,7Rauh-Banck]großerHandhobel,umBretterzuschlichten
Kusch di] verschwinde 1,8 Fueg Bank] Fügebank: langer, schmaler Hobel mit zwei Leisten zum Abhobeln
gerader Bretter 1,9 Stech Beuthel] breites Stemmeisen 1,10 Knüpfel] Klüpfel: Holzschlegel zum Schlagen des
Stemmeisens platzen] laut schreien 1,12 verzapft] mit Holzzapfen bzw. -stiften zusammenfügen 2,1 Trügel]
kleine Truhen 2,4 Schlicht-Hobel] Hobel mit Einfacheisen zum erstmaligen Glätten des Bretts 2,6 Rössel]
Spannbank2,8 Schließ-Sag] feine,mittelgroßeSäge2,10 Raspel]WerkzeugzumSpanabtragen
Bis heute haben Arien wie diese, die mit Fachbegriffen und onomatopoetischer Stim-
mungsmalereidenArbeitsprozessbildreichvergegenwärtigen, ihrenUnterhaltungswert
nicht verloren. Und auch wenn die Tendenz zur Idyllisierung des Werkstattalltags nicht
zuübersehenist,transportiertdieseBühneneinlagedochAspekteeineswohlauchrealen
Berufsstolzes. Mundart steht in diesen Gesangseinlagen nicht für Bäuerlichkeit, son-
dern ist bei aller Typisierung soziolektales Merkmal der kleinbürgerlichen urbanen
Handwerkerschicht, nicht Stigma der Ungebildetheit, sondern Authentizitätsgarantie
undGemeinschaftssignal.
Frauen stehen in diesen Berufsliedern selten im Mittelpunkt und wenn, dann meis-
tens inetwaszwielichtigemBild, soetwaimKellnerinnenliedLustig istderKellnerstand,
das ab den 1770er Jahren in Flugschriften zirkulierte. Angesprochen sind berufliche
Herausforderungen,wiesiebisheutezu ndensind:dieBalancezwischenAttrahierung
der männlichen Gäste und Einforderung gesellschaftlicher Schranken, die Schwierig-
keiten mit aggressiver, betrunkener und zudringlicher Kundschaft, die Verluste durch
Zechprellerei und Anschreibenlassen. Um diesem übel beleumdeten Leben zu entrin-
nen,bleibt letztendlichnurdieHoffnung,dem Richtigen` zubegegnen:
6
Eysowill ichKellnerinbleiben,
undmit springenZeitvertreiben,
wannsschonheistduSau,
machichmirdochnichtdaraus,
wannsiemichbrafmachenaus,
werdocheinmahleinFrau.97
Ein typisch großstädtisches humoristisches Berufslied ist das in Flugschriften vielfach
belegte Fiakerlied`,daswohlehernichtvondenLohnkutschernselbstgesungenwurde,
96 ÖsterreichischeNationalbibliothek,Cod.12706(TeutscheArien1),S.578.
97 Sechs schöne Neue Lieder. Das Erste: Wir g'nüssen die himmlischen Freuden, etc. Das Andere: O HIm-
mel! O Himmel! wie bist etc. Das Dritte: Alles ist zergänglich, währt ein kurze etc. Das Vierte: O grosser
GOtt jetzt ist es aus, etc. Das Fünfte: Ach! was quälen mich meine Gedanken, Das Sechste: Lustig ist der
Kellnerstand, sonderbaretc.Gedruckt imJahr1772, f. 4v.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen