Seite - 310 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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310 LAND- UND STADTLEBEN
sehenverbundene SpektrumbeginntbeiVerkäufernundVerkäuferinnenvonLebens-
mittelnundHaushaltswaren,aberauchTextilienundWarendesgehobenenGebrauchs:
Salami- oder Zwiebelverkäufer, Brezelbuben, Hendlkramer, Froschhändler, Eierweiber,
TeppichhändleroderBarometerverkäufer.DanebengabesambulanteHandwerkerund
Tagelöhner wie Scherenschleifer oder Wasserträger; Unterhaltung boten Guckkasten-
und Leierkastenmänner, Gaukler und Musikanten. Schließlich kamen als sozial am
tiefsten stehende Gruppe die Trödler, Aschenmänner und Lumpensammler. Sie alle
versuchten, ihre Waren und Dienstleistungen auf der Straße unter Verwendung ent-
sprechender dialektaler RufeundGesängeanzubringen.106 Trotz ihrerprominenten
und wirtschaftlich relevanten Rolle blieben diese Krämer und Händler häu g gesell-
schaftlich fragwürdig und wurden oft in die Nähe krimineller oder devianter Personen
gerückt.107 Vor allem wurde der Straßenhandel selbst über die Jahrhunderte immer
wieder Gegenstand von Verboten und Auseinandersetzungen. Gegen umherziehende
Händler und Händlerinnen, so hält etwa Brückner fest, gab es im gesamten deutschen
Gebiet im 17. und 18. Jahrhundert
die immer wieder gleichen, weil nicht befolgten, ja
nicht befolgbaren Mandate, Circulare, Rescripte, Patente, Edicte ,108 die solchen
unbe-
fugten` Handel jedochnichteinschränkenkonnten.MiteigenenBerechtigungsscheinen
wurde teilweiseversucht, Teile desStraßenhandels zu erlauben undgleichzeitig zu kon-
trollieren.109 Vor dem Hintergrund dieses lebhaften Kleinhandels, der das Straßenbild
prägte,undnichtzuletztderKonkurrenzsituationmitsesshaftenHändlernbekamendie
KaufrufederTandler,StraßenhändlerinnenundStandelbetreiberbesondereBedeutung
und können als Frühform der Produkt- und Dienstleistungswerbung in einer weitge-
hend analphabetischen Gesellschaft 110 gesehen werden. Dabei hatte die Vielfalt dieser
RufenichtnureinewirtschaftlicheFunktion,sondernauchästhetischeQualitäten,diein
verschiedenenanderenKontextenaufgegriffenwurdenund,wieschonDeutschhervor-
DiskursderAufklärung. In:W.B.:VolkskundealshistorischeKulturwissenschaft.GesammelteSchriften.
Bd.14:NachträgeII.Würzburg:Bayer.Blätter fürVolkskunde2010. (VeröffentlichungenzurVolkskunde
undKulturgeschichte88/3)S.229 243,hier237 239.
106 Vgl.FelixCzeike:HistorischesLexikonWien.Bd.3.Wien:Kremeieru.Scheriau1994,S.484f. Gertraud
Schaller-Pressler: Volksmusik und Volkslied in Wien. In: Elisabeth Theresia Fritz/Helmut Kretschmer
(Hg.): Wien, Musikgeschichte: Volksmusik und Wienerlied: Teil 1. Wien: LIT 2006, S.3 147, hier 11. Im
19.JahrhundertbegannimZugederIndustrialisierungderStraßenhandel indieserFormunddamitauch
derKaufrufzuverschwinden;einzelneRufe wiederderLavendelfrauoderdesLumpensammlers blie-
benaberbisindie30er-Jahredes20.Jahrhundertserhalten,wieKliernachweist(vgl.KarlM.Klier:Kleine
Volkslied-Studien. I.Alt-WienerKaufrufe. In:DasdeutscheVolkslied38(1936),S.64 65,hier64).
107 Vgl.Breuss,Kreebs'nundLimonien,S.153.
108 Wolfgang Brückner: Die Kolportage im Wirtschaftssystem der Protoindustrialisierung. In: Brückner,
VolkskundealshistorischeKulturwissenschaft,S.244 255,hier236.
109 FürWienberichtetDeutschvonVerordnungenim17.und18.Jahrhundert,diedenWirkungsbereichvon
befugten Tändlern festlegten und im Gegenzug
unbefugten` Handel unter Androhung der Kon szie-
rung sämtlicher Waren verboten. Dies blieb aber offenbar weitgehend wirkungslos, wie die zahlreich
überlieferten Klagen dagegen zeigen. Daneben gab es in Wien aber auch teilweise Sonderregelungen,
durchdiekleinere Krämereien und Ständchen mitbesonderenBefugnissen demsogenannten Hüt-
ten-Schein betrieben werden durften und so den Straßenhandel belebten (vgl. Walter Deutsch: Ein
Wienerischer Tändelmarkt` von 1803 und seine Vorbilder im Wien des XVII. und XVIII. Jahrhunderts.
In: JahrbuchdesösterreichischenVolksliedwerkes14(1965),S.30 48,hier30 32).
110 Rapp,WienerTypen,hierS.143.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen