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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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KAUFRUFE 311 hob, „ nicht nur den ‚ Marktrichter` und die Stadtverwaltung, sondern auch die Künste an[regten]“ 111. Die künstlerische Bearbeitung in literarischer, musikalischer und bild- nerischer Form bezog sich auf die Charakteristik einzelner Händler und Händlerinnen sowohlwasihreRufealsauchwasihrErscheinungsbildanlangt– undsorgteauchselbst wiederumfürdieTypisierungdieserFiguren.112 Schonum1620erschieninAugsburgeineFlugschriftmiteinem17-strophigenKauf- ru ied Von allerley Wahren, so man zu Augspurg inn allen Gassen herumbher schreyet. Während das Sprecher-Ich und kommentierende Textteile im (oberdeutsch gefärbten) Standard gehalten sind, werden einzelne Kaufrufe deutlich dialektal inszeniert. Die mundartliche Form wird dabei wirkungsästhetisch genutzt, um die Rufe einerseits als ‚ Kuriosum` zu charakterisieren („ darob sich mancher Frembdling / sehr verwundert hat“ ),andererseitssollenaberauchkomischeEffekteerzieltwerden,etwabeidemWort- spiel mit den im Dialekt annähernd homophonen Wörtern ‚ Besen` – ‚ bösen` in der sechsten Strophe („ Boesen, boese Weiber“ ). Schließlich steht vor allem das laute Durch- einander des Markttreibens und die Vielfalt an angebotenen Waren im Zentrum des Lieds. Dialekt ist hier weniger ‚ Regionalsprache` in Kontrast zu einer – erst in Ausbil- dung begriffenen – Standardsprache; vielmehr erscheint die dialektale Alltagssprache der Kaufrufe als mündliche Sprachverwendung in Kontrast zur konzeptionell schriftli- chenSprache,die fürdieeinleitendenundkommentierendenTextteileverwendetwird. 1113 MErcktauffwas ichth uSingen, ihr liebenBiderleüt, vonWunderlichendingenSomanzuAugspurgschreyt, darobsichmancherFrembdling, sehrverwunderthat, wannerdasselbighoeret, allenthalb inderStatt. 111 Ebda. 112 Frühe Beispiele für eine künstlerische Auseinandersetzung sind gra sche Darstellungen von Kaufrufen aus Paris (um 1500), Rom (1582) und Bologna (1585/92), die auch allgemein auf die Bedeutung eines lebhaftenStraßenhandels fürdieStadtentwicklunghinweisen. Im18. Jahrhundertunddannnocheinmal voralleminderBiedermeierzeitnahmdieZahldieserBildserienausStädteninganzEuropanochzu;ne- benKupferstichenwurdenauchPorzellan gurenbeliebt.InWienwurdenvorallemdieKupferstichserien vonJohannChristianBrand(DerKaufruf inWien,1775/76)undJakobAdam(Abbildungendesgemeinen VolkszuWien,1789)bekannt(vgl.KarlM.Klier:WienerKaufrufe.In:ÖsterreichischeMusikzeitschrift18 (1963),S.56– 68).AuchfürdasTheaterwurdenhierKaufrufeadaptiert,wobeimusikalischeundgra sche Gestaltungenabetwa1740fastgleichzeitigauftratenundsichwechselweisebeein ussten.DieUmsetzung konnte dabei von einzelnen Rufen über Typenarien bis hin zur Gestaltung ganzer Singspiele und Quod- libets zum Thema reichen. Aber auch in kleineren literarischen Formen wie Flugschrift-Liedern nden sich Verarbeitungen von Kaufrufen. Das kann sich auf die Verwendung einzelner Rufe beschränken, die amAnfangeinesLieds fürAufmerksamkeit sorgensollen; inanderenFällenwerdendagegenLiederganz aus Kaufrufen gestaltet, die unverbunden oder nur grob eingebettet nebeneinander gestellt sind. So kann der Eindruck durcheinander klingender Rufe erzeugt und deren musikalische Qualität genutzt werden. Vgl.Brückner,DieKolportage,S.245f. 113 Zur Schreibung: In diesem Druck wird zwischen 〈 u〉, 〈ue〉und 〈ü〉unterschieden. Dabei steht 〈 u〉 für [U@]; 〈ue〉und 〈ü〉werden weniger systematisch unterschieden; tendenziell steht 〈ue〉 für [y:] oder [I@] und 〈ü〉 für[Y]oder[I].AufgrunddessenwurdeinderTranskriptionhierebenfallsdieSchreibweisederUmlaute wie imOriginalübernommen.NichtwiedergegebenwurdendieVirgeln,diehierdurchBeistricheersetzt sind, sowiedieAbsatzmarkierungenzuBeginnderStrophen.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800