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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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SITTEN- UND MODELIEDER 323 mähat jaoftahört,wersiübernStandtragt, derwirdmitdäPräxnindHöllanigjagt.139 1,1 Losts] Imperativ zu losen: hören, horchen nächtn] gestern, gestern abends talgelts] Albernes, Lächer- liches 1,2 mei aichl] Interjektion zum Ausdruck der Bestätigung, der Nachdrücklichkeit 2,1 ähi] hinunter 2,2honi]habeichvoallsgfär]vonungefähr,d.h.aufeinmal3,2Trampltanz]Trampel:ungeschickterMensch, plumpe Frau 4,1 Raiga] Reiher 4,2 rait] denke, vermute 4,2 zwagn] (mit warmem Wasser und Seife) waschen 5,2Kleidn]Kleie,MühlenrückstandalsFuttermittel6,1Thali]Taille7,2Menscha]Mädchen,Frauen7,3Kidl] Kittel, Rock 8,3 Plansched] von franz. planchette ‚ Brettchen`: Fischbein für Frauenmieder 8,4 Mennet] Me- nuett, beliebter Gesellschaftstanz im 17. und 18. Jahrhundert 9,1 drang] fest, eng (von: gedrängt) 9,4 seltäni] solche10,1thörrische]taube,schwerhörige11,2Ludä]hier:wiehochdt.Luder,d.h.Aas11,2schmeckt]riecht 11,4 Präxn]Gewehr(auchspöttisch) ani]hinein Der Spott über die aktuelle Mode, wie er in dieser und ähnlichen Flugschriften immer wieder auftaucht, lässt sich auf zwei Ebenen lesen, nämlich einerseits als historischer Beleg für die jeweilige Mode selbst, wie es etwa Hampel in ihrem Aufsatz über Klei- dermode in Liedtexten zeigt,140 andererseits als Dokument sozialer und moralischer Urteile und Leitbilder. Was in den Liedern an modischen Auswüchsen kritisiert wird, überliefert also ein – wenn auch tendenziell polemisch verzerrtes – Bild des gängi- gen Kleidungsstils: Reifröcke und Glockenärmel (deren Verzierungen hier als ‚ Radl wie Schießscheiben` interpretiert werden), feine Schuhe und enge Mieder, gepuderte Fri- suren und Schönheitsp ästerchen. Der Hinweis auf den Gestank der herausgeputzten Frauenlässt sichdamit inVerbindungbringen,dassregelmäßigesWaschenim18. Jahr- hundert nicht üblich war – es wurde teilweise sogar abgelehnt, da es die Haut gegen die Witterungemp ndlichmache.KörpergerüchewurdendahervorallemmitstarkenParf- ums oder Essenzen übertönt. Nicht allein die Mode aber wird in diesem Lied kritisiert, sondernauchderVersuch,durchTeilhabeanaktuellenDresscodeseinenunangemesse- nen sozialen Status vorzutäuschen. Modekritik hat in dieser Hinsicht immer auch eine disziplinierende Dimension: Wer sich diese aufwändige Kleidung nicht wirklich leisten kann und Haarpuder durch Mehl oder Fischbein mit Kochlöffeln ersetzen muss, macht sich lächerlich. Insofern unterminiert der aufwändige Putz die soziale Hierarchie, die sichauchüberKleidungausdrücktbzw.ausdrückensoll. Interessant ist, dass sich die allermeisten dieser dialektalen Lieder auf Frauenmode beziehen.141 Ein Aspekt dieses Genres ist daher wohl auch, nicht nur die Standes-, son- dernauchdieGeschlechterhierarchieangesichtseineswahrgenommenen‚ Sittenverfalls` abzusichern. Deutlich scheint das etwa in dem Lied Wie ist die Welt beschaffen, in dem zuerstdasunbeständigeLebender jungenMänner,danndieModederFrauenkritisiert undabschließendfestgehaltenwird: 139 SteiermärkischesLandesarchiv,Hs1395a,VIII.4(Flugschriften-FragmentohneTitelblatt,ca.1755– 1760). Eine Variante ndet sich in der Flugschrift Vier schöne Neue Lieder (s.o. Fußnote 130); dort beginnt das Lied erst mit der zweiten Strophe des hier abgedruckten und ist weniger stark dialektal wiedergegeben (ediertbeiHampel,Hundert JahreKleidermode,S.76f.; vondort sindaucheinigederWort-undSacher- klärungenübernommen). 140 Vgl.Hampel,Hundert JahreKleidermode. 141 Auch z.B. M. Lindemayrs Bauernklage Mein Endl hats längst prophizeit nimmt die eingangs themati- sierten Modeveränderungen am Beispiel der „ ländlä Tracht“ nur als Aufhänger für eine umfassendere Zeitkritik,vgl.Lindemayr,Dialektlieder I,S.129– 131.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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