Seite - 332 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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332 LAND- UND STADTLEBEN
Perückenmacher. IchhabhaltdochschoneinigeSoldatenmurrng'hört
DerKaminfeger. Schlimm gnug! Das sind aber g'wis keine brave Soldaten g'wesen. Warum
giebt man ihnen in Friedenszeiten z'essen, als damit s' im Krieg hingehn, wo man s' hin-
schickt ?
DerKafepräsident. Nu! zweifeln d'Herrn noch ob Krieg wird? Da hörn s' einmal was
d'Zeitungen sagn Der Kaiser von Marocko hat den Holländern 10000. Mann Hilfsvölker
versprochen.
Perückenmacher. So!das istderDank,daßwirseinemGsandtenüberallnachgloffensind,wie
erz'Wienwar,unddaßwir ihnand'Kafehäuserundd'Bierhäuserangmahlthaben?
DerSchneider. Liegt 'sMarokanerlandweitwegvonHolländern?
DieKafehausräthesehnaufdieseFrageeinanderan,undes folgteinePause.DerPräsident faßtsich
endlich, und sagt mit wichtiger Staatsmine. Wenn ich mein Landkartn da hätt, so wollt' ich den
Herrn gleich zeign, wo Maroko liegt; denn auf meiner Landkartn stehn alle Städt. Es laßt sich
aberauchohneLandkartnerrathen. Washabenwohld'Marokaner füreinReligion?Blicktdie
übrigenRäthemit triumphirendenLächelnan.
Kaminfeger. IchglaubhaltdieTürkische.
Schneider. Was!Türkensollens' seyn,undtragneinweisseKuttn,wieunsreKarmeliter?
Kafesieder. Freylichsinds'Türken.Siebethen jadenMondscheinan.159
Perückenmacher. Und habn denn d'Herrn nicht g'sehn, daß s' auch ihren Rosenkranz bethen,
wied'Türken?
Präsident. So wärn wir also in Clari, und därfen uns weiter kein Kopf z'brechen; denn wenn
d'MarokanerdietürkischeReligionhabn,sokönnens' jaauchnirgendsanders liegn,als inder
Türkey.
Kaminfeger. Bravo!es lebunserPräsident.
Kafesieder. Aberwenns' inderTürkey liegen,sowerdens'denHolländernnichtvielnutzen.
Präsident. Warum denn nicht? Sie därfen ja nur zum Kaiser von Konstantinopel stossen, und
insUngerlandeinfallen.
Schneider. Auchwahr.
Perückenmacher. Meinetwegenmögens' thun,wass'wollen,wennnurKriegwird.Dakommt
dochwiederGeldunterd'Leut.
Kaminfeger. zumPerückenmacher aufdenHerrnwirdviel springendavon.
Kafesieder. seinen Witz vorher belachend Warum denn nicht? der Kaiser laßt ja seinen Solda-
ten jetzt lauterPerückenmachen,damits'nicht friert,wenns'eineWinterkampagniemachen
solln. alle lachen
Schneider. Spaßàpart Ichhätt'dengutenMagnnicht. Ichhättschonlängstdreing'schlagn
couti-couti.160
Kaminfeger. IneinemTone,woraus ichschloß,daßerseineMitkollegenvielleichtbloszumbesten
habe Ich wüßt schon, was ich thät, wenn ich Kaiser wär. Ich würd' einen kurzen Prozeß mit
denHolländernmachen;undließs'austränken,wied'Erdmäuß.
Schneider. Ja!gehtdenndasDingan?
Kaminfeger. Warumdennnicht?Mandarf janureinLochdurchd'Mauermachen,dieeinhol-
ländischer Baumeister dem Meer vor d'Nasn hinbaut hat, so wärn sie auf einmal weg. Vor ein
paar Jahrn ist 's g'schehn, da hat d'Maur von freyen Stucken ein Loch kriegt, und da sind viele
Millionenersoffen.
Präsident. Richtig!aberseitderZeithabns' einWachthing'stellt.
159 [FußnoteimOriginal:]DerkatholischePöbelglaubtnochimmer,daßdieTürkendenMondanbethen,da
siedoch, sowie jederaufgeklärteKatholik,eineneinigenGott, alsdenSchöpferundErhalterallerWesen
verehren.
160 [Fußnote imOriginal:]Coutequ'il coute.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen