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LOKAL- UND GESELLSCHAFTSSATIREN 333
Kafesieder. Nein!daswärdochzustark,allemiteinanderzuersaufen;dennwenns'gleichHol-
ländersind,sobleibens'dochMenschen unddannwärjaSchadumihreschönDukaten. 161
gwörtlt]wörteln:spitzeRedenführen, ineinenWortwechselgeratenBrandln]umGeldgespieltesKartenspiel
ihren Rosenkranz bethen] Anspielung auf die muslimische Gebetskette, die durch ihr ähnliches Aussehen
vom Perückenmacher mit dem Rosenkranz verwechselt wird à part] (franz.) beiseite couti-couti] (franz.)
coute qu'il coute: koste es was es wolle da hat d'Maur von freyen Stucken ein Loch kriegt] gemeint ist wohl
die sog.
Weihnachts ut` von 1717, die schwerste bis dahin bekannte Sturm ut an der Nordseeküste mit mehr
als11000Toten
DerhierdurchschimmerndeaufklärerischeHumanismusRichtersäußertsichnichtzu-
letzt in der Frage nach der Religion der Marokkaner, wie sie in der Runde besprochen
wird: Der naiven Behauptung, diese beteten den Mond an, hält Richter in der Fußnote
dieaufgeklärteIdeederprinzipiellenGleichwertigkeitdermuslimischenundderchrist-
lichenReligionentgegen.
Sind die Kommentare der Wienerischen Musterkarte noch tatsächliche Erläuterun-
gen, werden sie in Richters erfolgreichstem literarischem Projekt als unterbemittelte
Herausgeber ktionselbstTeilderKomisierungsstrategie.DieBriefeeinesEipeldauersan
seinenHerrnVetterinKakran,überd'Wienstadtsindursprünglicheine1785erschienene
Broschüre aus 10 Briefen`, die in Anlehnung an die beliebte Form des Briefromans die
naiven Erlebnisberichte eines Eipeldauer Bauern aus der unweit gelegenen Residenz-
stadt Wien sammelt. Die Handlung folgt, in satirischer Komprimierung, dem Schema
der Lettres persanes Montesquieus, bei dem der naiv-erstaunte Blick des Fremdlings die
Schwächen der Gesellschaft schonungslos bloßlegt. Die Heimat des gar nicht so
edlen
Wilden` ist im Fall des Eipeldauers freilich nicht weit entfernt: Eipeldau, damals ein für
seine Gänsezucht bekanntes Bauerndorf, liegt heute im 21. Wiener Bezirk Floridsdorf.
EinmalmöchtederEipeldauerTölpeldieStadt inderFaschingszeit erleben.Vonseinen
großspurigauftretendenWienerVerwandtenwirdermitPompauf-,dochebensorasch
beim anschließenden Kartenspiel ausgenommen. Auch die folgenden Einführungen in
den Brennpunkten der städtischen Unterhaltung leeren seine Taschen, sodass er seinen
VerwandteninKagranumGeldschreibenmuss.AmAschermittwochgehteswiederzu-
rück nach Hause. Thematisch nden sich Parallelen zu den Musterkarten, doch fordert
die Beschreibung über den naiven Re ektor der Eipeldauer-Bauer war eine typische
Wiener Straßen gur die vis comica des Lesepublikums stärker heraus, musste es sich
dochdieschrägenBeobachtungenzurechtdeuten.
SechsterBrief.
Ich lauf noch immer mit dem Wiener-Herr-Vetter in der Stadt herum; denn d'Frau Mahm hat
mir ja bey meiner Abreis gsagt, daß ein junger Mensch, der in d'Länder geht, überall d' Augen
habnmuß.
Aber ich könnt gar nicht fertig werden, wenn ich dem Herrn Vettern alles beschreibn wollt, was
ichschönsgsehnhab.
Nichtsgfalltmiraberbesser,alsd'Bubn,died'Liederausschrein.WenndemHerrVetterwerwas
thut, so laßt der Herr Vetter nur gschwind ein Liedl auf ihn machen, das schrein dann d'Bubn
aus, und des Herrn Vettern sein Feind wird in der ganzen Wienstadt ausglacht. Der Herr Vetter
161 Richter,WienerischeMusterkarte1785, IV,S.18 25.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen