Web-Books
im Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Geschichte
Historische Aufzeichnungen
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Seite - 335 -
  • Benutzer
  • Version
    • Vollversion
    • Textversion
  • Sprache
    • Deutsch
    • English - Englisch

Seite - 335 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Bild der Seite - 335 -

Bild der Seite - 335 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

Text der Seite - 335 -

LOKAL- UND GESELLSCHAFTSSATIREN 335 der ersten Jahrgänge mit dem originalen Eipeldauer reichten die späten Abkömmlinge längst nicht heran. Dennoch: Die Berichte des trotteligen Flaneurs über die Ereignisse undNeuigkeitenderStadtsindauchheutenocheineunerschöpflicheFundgrubefürdas Alltagsleben und historische Geschehen in der Habsburgermonarchie. Dass die impli- zite Kritik an den sozialen Zuständen im Verlauf der Jahre zunehmend zahnlos wurde, war freilich kein Zufall. Richter, der als begeisterter, scharfzüngiger Anhänger der Auf- klärungbegonnenundseinenWitzdazugenutzthatte,verkrusteteStrukturenundreak- tionäre Geisteshaltungen anzuprangern, war unter Franz II. zum spießigen Propagator der Regierungspolitik und Zuträger der Polizei geworden. Viele andere Möglichkeiten hatte er freilich nicht, denn ohne Arrangement mit der Zensur hätte er seine Zeitschrift nieveröffentlichenkönnen.Ab1802wirddemAutorausgeheimen‚ Polizeigeldern` eine monatliche Zuwendung von 30 Gulden zugesprochen, denn – so Polizeiminister von Pergen– : Der Bittsteller hat wirklich Jahre durch in seinen Eipeldauerbriefen [...] auf die Stimmung des Volkes zu wirken getrachtet, und man sich selbst von der Seite der Polizeihofstelle seiner Feder bedienet, um durch dergleichen [...] Flugschriften den Gesinnungen des Staats entsprechende Richtungzugeben.165 AuchkünstlerischwarendieEipeldauer-Briefeausgesprochenein ussreichundsoman- cher Kollege versuchte, am Erfolg der Figur mitzunaschen.166 Bereits als Reaktion auf denErfolgdeserstenHeftsgabeinAutorunterdemPseudonymPeterPlauschdaswenig originelle, aber durchaus witzige ‚ Trittbrettwerk` Briefe eines Kakraners an seinen Herrn Vetter in Eipeldau über d'Wienerstadt (1785) heraus. Hier besucht nun auch der Vet- ter aus Kakran die Wienerstadt, wird ähnlich wie der Eipeldauer betrogen, macht seine naiv-entlarvendenKommentarezumGesellschaftsleben,bevorerschließlich imachten undletztenBriefseineRückkehrinsDorfankündigt.MancheseinerErlebenissedecken sich mit denen seines literarischen Vorgängers, manche bringen auch Neues wie sein BerichtausdemPratermitRingelspiel,MusikundSchaustellereien: ImPratersinddieLeut'nichtsoaufgepuzt,wieimAugarten,dasindsvielkommoder,sieschrein, ziehnsichbisaufsHemdaus, spielen, rauchenToback,undthunvöllig, alswenn'sdaz'Hauswä- ren. Die Wiener müssen erschrekliche Liebhaber von Reiten seyn, denn sie sind nicht zufrieden, daß sie überall auf lebendigen Pferden r'um reiten, im Prater reutens sogar auf hölzernen Pferdeln, wie unsers Herrn Verwalter sein kleiner Stepherl; und das die grösten und vornehmsten Leute. Da habns dabei einen Spies in der Hand, da stossen einige auf Türkenköpf, andere fahrn damit mitten ineinkleinesRingel,undsindaufsTreffenabgerichtausderKunst. Musik giebts im Prater allerlei, und das sind wunderbare Herrn die Musikanten, sie fragen gar nicht,obmanihreMusikwillodernicht,*)undwenn's fertigsind, sogehn'smitdemTellerr'um, unddamußmanihnenwasgeben,wenneinemauchd'Musiknichtgfallenhat,sonstbrummen's, odersageneinemgarGrobheiten insGsicht. Einer hat mich recht erwischt; Er fragt mich, ob ich wissen will, wie schwer ich bin, ob ich mich will wägen lassen: warum nicht, sag' ich, kanns probirn, und dafür hab ich ihm hernach zahln 165 Pisk, JosephRichter,S.37f. 166 EineerstmaligeÜbersichtgibtPaunel inseinerEinleitung.
zurück zum  Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
Web-Books
Bibliothek
Datenschutz
Impressum
Austria-Forum
Austria-Forum
Web-Books
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800