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LOKAL- UND GESELLSCHAFTSSATIREN 337
nannt;etlicheIndizienaberdeutendaraufhin,dassderPublizistundTheatermannKarl
Franz Guol nger, Ritter von Steinsberg (1757 1806) hinter dem Werk stehen könnte.
Noch im selben Jahr wird auch sein ausgesprochen erfolgreiches Singspiel Hanns Kla-
chelvonPrzelautsch(MusikvonFranti ekVincencTu cek) inPraguraufgeführt.Weitere
Singspiele,diedendümmlichenböhmischenBauernindenMittelpunktsetzten,folgten.
Auch in Wien griff der ständig in nanziellen Schwierigkeiten steckende erfahrene
Bühnenautor Ferdinand Eberl (1762 1805) den Bauer-in-der-Stadt-Stoff auf und ver-
suchteerstgarnicht,dieAnleihenzukaschieren.SeinDerVettervonEipeldaubeyseiner
FrauMahminWien(1796),derersteTeileinerTrilogieumdenreichenEipeldauerBau-
ern Lorenz, dem einzigen Dialektsprecher dieser Stücke, ist eine simple, aber effektvoll
gebaute Liebes- und Verwicklungskomödie. Lorenz, der seine Tochter Röschen zu sei-
ner Verwandten, der über ihre Verhältnisse lebenden, borniert-blasierten Mahm`, in
die Kost gegeben hat, ndet bei seinem Besuch in Wien schließlich den ersehnten Sohn
wieder und ermöglicht seinen Kindern ihr jeweiliges Liebesglück. Der Erfolg des Sujets
inspirierte u.a. auch Emanuel Schikaneder zu seinem immens populären Tyroler Was-
tel (1796) (vgl. Kap.5). Beide Werke wiederum wurden für die Briefe des Tiroler Wastels
an den Schulmeister in Kaduschl (1800)
von einem Fixeldauer` ausgeschlachtet; da das
derbeTirolerischgeschicktwiedergegebenist,scheinenRichterundSchikanederalsAu-
torendesSpin-offeherauszuscheiden:
Luschti lebendi! Der Tirolerwastl ischt ze Wean! Das ischt a Stadtele so groß als unser Landele!
Und in dem Stadtele huken viel tausend Millionen Leut aufeinonda. Und der Stöffensthurim
i[]scht um gute zween Köpf höcher als der Thurim an unsrer Johanneskapelln. Koz Velten!
Schulmaster, du host an Schädel wie a Woßerschof, aber da stund dir der Verstand still! Wie ma
ins Stadele san einigsprungen, do hon ma g'jugazt, und das klani Menschli, die Seffeln ischt für
Wohlthat sorothworden,alswennihraneraSchmozligschnipfthätt'.170
Koz Velten] Fluch (Velten Kurzform für Valentin, oft auch Euphemismus für Teufel) Woßerschof] Was-
serschaff, wannenförmiger Behälter hon ma g'jugazt] haben wir gejuchzt Seffeln] Diminutiv für Josepha
Schmozli]Kuss gschnipft]gestohlen
Selbst der damals berühmteste regelmäßige` Dramatiker des Habsburgerreichs, Corne-
liusHermannvonAyrenhoff (1733 1819),dersonstkeinerleiAf nitätzurästhetischen
Überformung regiolektaler Sprechweisen zeigte, griff 1795 bei einer Polemik gegen das
inWienäußerstpopuläreBalletttheaterSalvatoreundMariaViganòszuRichtersKunst-
gur:
Abergnugschon!d'FrauMahmmußdasAllesmit ihreneigenenAugenundOhrenbeurtheilen,
und ich weiß gewiß, Sie wird hernach nicht mehr so sehr für der Frau Godel ihr Krippelspiel
eing'nommen bleiben, obwohl ich der Frau Mahm eing'stehen will, daß die Pantomimi der klein
Mandeln bey der Frau Godel verständlicher ist, weil doch dort bey jeder Scen den Leuten laut
g'sagtwird,wasd'Mandelndeutenundvorstellen.Uebrigensmußsichd'FrauMahmnichtwun-
dern,daßich itzteinsopassionirterViganoistbin,was ichdochbishernichtwar.
170 Briefe des Tiroler Wastels an den Schulmeister in Kadurschl, erstohlen und mit Noten ans Licht gestellt
voneinemFixeldauer.Wien:Hohenleitter1800,S. [3].
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen