Seite - 347 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 347 -
Text der Seite - 347 -
NACHHALTIGE UND SPORADISCHE VOLKSSTEREOTYPE 347
Volkstümliche Raufereien, die auf einem differenzierten System aus Rangfolgen, Si-
gnalen und Herausforderungsgesten beruhten, hatten im alpenländischen Raum eine
jahrhundertelange Tradition.16 Als nicht zu duldende Beleidigung konnte etwa schon
die Missachtung einer vorgegebenen Reihenfolge beim Tanzen aufgefasst werden, wie
sie im Lied in Str.15 anklingt, ein falscher Blick oder eine unangemessene Handlung.
Diese ständige Überemp ndlichkeit gegenüber tatsächlichen oder angeblichen Heraus-
forderungen und die Bereitschaft, sich mit jedem zu messen, verbunden mit exzessiv
erscheinender Gewalt werden in diesem Lied durchaus mit einer gewissen spöttischen
Distanzbeschrieben.
ObzunächstdasLiedwaroderdieRedewendung, lässtsichbeiderderzeitigenQuel-
lenlagenichtsagen.Feststeht,dassder Rauff-JodelausSteyermarck 17 bzw.der Steyr-
märckischeRauff-Jodel 18 indenfolgendenJahrzehnteneinewohlbekannteGestaltwar,
wiesichetwaandensatirisch-unterhaltendenArbeitenFranzCallenbachsoderauchan
diversen homiletischen Schriften ablesen lässt. Dann aber scheint sich die unmittelbare
Verbindung der Figur mit der Steiermark langsam aufzulösen. Ein 1734 bei Christoph
Lercher in Wien veröffentlichtes Curieus- und Lustiges Bauerngespräch des Steyerischen
RieppelundsogenanntenSaltzburgerischenRauff-Jodl,dasdieKampfbereitschaftderaus
allen Teilen des Reichs kommenden Soldaten im Polnischen Erbfolgekrieg illustrieren
sollte, stellt dem rauflustigen Steirer bereits ein Pendant aus dem Erzbistum gegenüber.
ImMottodesTitelblattsallerdings ndendieAttributenocheinmalzueinander:
IderSteyrischRiepelgenannt
UndRauf-Jodelwohlbekannt
Will rauffämitdemFranzosen;
Kannnuraufmiwohl losen.
WenndieSchlachtwirdgehenan,
Rauff ibisamletztenMann.19
Ab Mitte des 18. Jahrhunderts nden sich nur noch Belege, in denen der Raufjodel`
ohne Regionalbezug als Synonym für Raufbold verwendet wird. Viel nachhaltiger war
dagegen ein anderes Klischee, das obwohl sich auch hier das Phänomen in vielen an-
deren Alpengegenden in ähnlicher Weise manifestierte zum monostereotypen Cha-
16 Vgl. Mautner, Zwey schöne Lustige Lieder. Im Lauf der Jahrhunderte wurde von den jeweiligen Obrigkei-
ten immer wieder versucht, diese ritualisierten Schlägereien zu verbieten oder zumindest die Rauflust in
sportliche Wettkämpfe zu kanalisieren, wo das Kräftemessen nach Regeln und unter Aufsicht vonstatten
ging.
17 [Franz Callenbach:] Genealogia Nisibitarum Deß Uhralten NISI-Stamm-Baum Geburths-Brieff [...]. Ge-
druckt imJahr1714,S.128.
18 [Franz Callenbach:] Puer centum annorum sive Heteroclitus repuerascentis mundi genius, der vor Augen
liegend-handel-und wandlenden Welt täglich anhaltendes Kinder-Spiel, den in Jahren erwachsenen bey-
derley Geschlechts / was stands sie auch seynd, zu trewmeynender Nachricht. [...] Herauß gegeben: Auff
der jetzigen an Jahren zimblich uralten / an Sitten aber verjungten Welt-Kinderstuben. Im Jahr / Da die
WeltaltundKindischwar. [1715],S.47.
19 Zitiert nach Hartmann, Historische Volkslieder II, S.325 (ohne dessen eigenwillige Kennzeichnung der
Nasalierung). Ein Exemplar der bei Hartmann teilweise edierten Flugschrift konnte bislang nicht gefun-
denwerden.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen