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348 FREMDES UND EIGENES
rakteristikum der Steirer im Völkerpanoptikum der europäischen Literaturen 20 wurde:
der Kropf. Als Topos der Unterhaltungskunst begegnet es uns etwa im Reiselied Jetzt
bin ich mir schon satt gnug graist, auf das später noch explizit eingegangen wird (vgl.
S.366). Hier der entsprechende Abschnitt in der Gegenüberstellung zweier Varianten:
eine (wohl in Steyr gedruckte) Flugschriftfassung aus der Mitte des 18. Jahrhunderts
undeinerelativzersungene,wohletwas jüngereFassungauseiner inGrazüberlieferten
Einzelabschrift:
3
DerLuetenbergersteigt inKopf/
undmacht inOhren-Sausen,
fast jederSteyrerhateinKropf,
das thätmichschonz'vielgraussen,
wannainahatänG'wächs inHalß,
sogroßalsäLemoni,
denschätztmandortenüberalls,
undsoltenobenohni. 3
DerLurdenwergersteigt inKobf,
undmacht inohrensausen,
ä ihter stei[r]erhoteinKropf,
das tuthmirschonz:vill grausßen,
undwereinKresdragtumdenhals,
sogrosalswied:lemoni,
denscheztmandort schanüberals,
undsezt ihmobenöhni
4
Undwannmanainä fragenwill/
wohindagehtdieStrassen/
dareissensoftdieWind-Mühlauf/
thain ihreKröpfaufblassen/
aft reissenerstdieGoschenauf/
sogroßalswieaStadl,
aftgebnsänendlichAntwortdrauf/
sonstwaiß ichgarkeinTadl.21 4
Vndwanmäreinenfragenwill,
wohindagethdiestrasßen,
dazihensaufdaswindVentill,
Bis ihreKröpfanblasßen,
aftReysßensErstdiegoschenauf,
sogrosalswieeinStall,
undgöwenEndlichd:antwortdrauf,
sunstweis igahrKeindall,22
3,1Luetenberger]Luttenberger:WeinsorteausderGegendumLuttenberg(heuteLjutomerinNordslowenien)
3,6 Lemoni] Zitrone 3,8 solten] wohl für: selten (oder verderbt für stölten: stellt ihn?) 4,4 thain] tun 4,5 aft]
dann Goschen] Mund 4,6 Stadl] Scheune 3,1 Lurden werger] Luttenberger, s.o. 3,5 Kres] Kröse: Halskrause
(scherzhaft fürVerwachsungen)
GeradeamBeispieldesimagologischenKropfszeigtFranzK.Stanzel,wieelementarste-
reotype Vorstellungsbilder die eigene Wahrnehmung beein ussen können, zumal wenn
dadurch eigene Ideen bestätigt werden. Als 1748 David Hume von Wien kommend
durchdieSteiermarkreiste, zeigteersich inseinenBriefenentsetztüberderenBevölke-
rung:
But as much as the Country is agreeable in its Wildness; as much are the Inhabitants savage &
deform'd&monstrous in theirAppearance.Verymanyof themhaveuglyswelldThroats: Idiots,
& Deaf People swarm in every Village; & the general Aspect of the People is the most shocking I
eversaw.23
20 FranzK.Stanzel:Telegonie Fernzeugung.MachtundMagiederImagination.Wien/Köln/Weimar:Böh-
lau2008,S.256 265.
21 DreyschöneWeltlicheLieder,DasErste: Jetztbinichmirschonsattgnuggraist,habetc.DasAnderte:Last
sichschonderFrühlingsehä,Buedasbringtetc.DasDritte:OFrühlings-Zeit, aufgrünerHayd, schönstes
etc.Gedruckt indisemJahr. [o.O.,o.J.], f. 1v.
22 SteiermärkischesLandesarchiv,Hs1109 (Jetztbin imi schansatgnueg, greist), f. 1r.
23 J.Y.T.Greig(Hg.):TheLettersofDavidHume.Vol.1 (1727 1765).Oxford:UniversityPress2011,S.130.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen