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NACHHALTIGE UND SPORADISCHE VOLKSSTEREOTYPE 359
spektive unverstellte Aufrichtigkeit, kindliche Naivität oder natürliche Witzigkeit ver-
standen werden konnte. Der spätere Lemberger Universitätsprofessor Joseph Rohrer,
einPionierderösterreichischenVolkskunde,beschriebinseinerStudieUiberdieTiroler
(1796), dem Resultat einer durch mehrere Jahre in Tirol fortgesetzten Menschenbe-
obachtung , diesen typischen exotischen Wesenszug und dessen Aufnahme in der
habsburgischenbesserenGesellschaft folgendermaßen:
Wenn sich aber der größere Theil der deutschen Tiroler auch nur mit wenigem Glücke auf das
Tonspiel verlegt, so gelingt ihm das Gedankenspiel um so besser. Ich meine hiermit die Gabe
ohne vieles Kopfbrechen durch Witzeinfälle zu unterhalten, mit welcher dies Bergvolk reichlich
ausgestattet ist. Unter der Regierung weiland Theresiens wurden wandernde sonnenverbrannte
TiroleröftersvondemerbländischenhohenAdelinSoldgenommen,ummelancholischeDamen
zurLustigkeitzustimmen,unddieEingeweidehypochondrischerHerrenheilsamzuerschüttern.
In die adelichen Zirkeln zu Prag wird noch jetzt der handelnde Tiroler-Bauer als Mittelpunkt
hineingelassen,unddieganzeGesellschaftdurchseineScherzezusehendsaufgeweckter.Ebenso
werden von Böhmischen Landedelleuten und Ungarischen Magnaten die vorbeyreisenden Ti-
roler zur Tafel geladen, um sich an ihrem Witze zu ergötzen. Die nicht seltene Naivetät dieser
AlpensöhneerzeugtbeydemwohlhabendenAdeldieserLändereingutherzigesLächeln,dasge-
wöhnlich bey den Damen mit einem wohlthätigen Gefühle der Zärtlichkeit gegen diese arme
exotische Menschenrace verbunden ist, welcher erst nach einer Reihe von Jahren Verstellungs-
kunst zur zweyten Natur wird worauf sich wohl auch die bekannte Redensart beziehen mag,
daßdieTirolererstmit40Jahrengescheidwerden.48
EswarwiedereinGeniestreich oderzumindesteinegeschickteGeschäftskalkulation
des Zauber öten-Librettisten Emanuel Schikaneder (1751 1812), die Wesensmerkmale
derbestehendenTiroler-KlischeesimProtagonistenseiner1796uraufgeführtenErfolgs-
operDerTyrolerWastel(Musik:JakobHaibel)zubündeln.Sogeschicktpro lierteerden
heimatliebenden, witzigen Handschuhhändler im Wiener Großstadtambiente, dass die
Figur eine regelrechte Patrioten-Mode auslöste mit einer der nachhaltigsten Rezeptio-
nenindiesemKontext.
Gattungsgeschichtlich kann das Stück als Prototyp des Volksstücks gelten: Im Zen-
trumstehenbürgerlich-familiäreVerhältnissedespublikumsnahenWienerAlltags,ver-
bunden mit Merkmalen der Hanswurstiaden und mit solchen des aufklärerischen Sit-
tenstücks.49 Dabei lebt es insbesondere stark vom Kontrast50 zwischen den zwei natür-
48 Joseph Rohrer: Uiber die Tiroler. Ein Beytrag zur Oesterreichischen Völkerkunde. Wien, im Verlag der
DollischenBuchhandlung1796,S.75f.
49 Vgl. Anke Sonnek: Emanuel Schikaneder. Theaterprinzipal, Schauspieler und Stückeschreiber. Kassel
[u.a.]: Bärenreiter 1999. (Schriftenreihe der Internationalen Stiftung Mozarteum Salzburg 11) S.225.
Aust/Haida/Hein, Volksstück, S.105. Die Verbindung dieser verschiedenen Aspekte zum
Volksstück`
wurde zwar nicht durch Schikaneder begründet als Muster kann eher Hafners vierzig Jahre früher er-
schienenes Stück Die bürgerliche Dame gelten , verhalf ihm aber durch die Figur des Tyroler Wastels zu
ungeheurerPopularität (vgl. ebda.).
50 Vgl. dazu: Wendelin Schmidt-Dengler: Polarisierung als Gestaltungsprinzip auf dem Alt-Wiener Volks-
theater. In: Jahrbuch der Grillparzer-Gesellschaft 10 (1973), S.41 63, insbes. 50ff. Wendelin Schmidt-
Dengler: Das Kontrastschema Stadt-Land in der Alt-Wiener Volkskomödie. In: Jürgen Hein (Hg.): Thea-
terundGesellschaft.DasVolksstückim19.und20.Jahrhundert.Düsseldorf:Bertelsmann1973.(Literatur
inderGesellschaft12)S.57 68.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen