Seite - 367 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 367 -
Text der Seite - 367 -
NACHHALTIGE UND SPORADISCHE VOLKSSTEREOTYPE 367
1
JEtztbin ichmirschonsattgnuggraist/
habgsehenfremdeLänder,
bleibgleichwohlnochbeynaltenLaist/
aufTeuscheinNarrwieehender.
AufStain,Und,Krembswill ichnochgehn,
will ichmeinVorwitzbiessen/
aftwannichkomhinabaufWienn,
will ichmeinRaißbeschliessen. 2
InSteyermarckbin i3. Jahrgwest/
dahatsmiränichtgfallen,
änStertzaufd'Nacht /änStrohinsBeth,
sonstnichtalsBohnaz'fressen,
derStrugl soltäparteseyn/
danckdirsmitdeinerMutter/
alle liebeTagänHaiden-Brein,
istnuraGimpel-Fuetter.67
1,3 beyn alten Laist] bei den alten Gewohnheiten 1,4 auf Teusch] auf Deutsch; kurz und gut 1,5 Stain] Stein
an der Donau (heute Stadtteil von Krems) Und] 1796 aufgehobenes Kapuzinerkloster und Ortsname (heute
zu Krems an der Donau gehörig) 1,6 biessen] büßen 2,2 ä] auch 2,3 Stertz] kleinbröckeliges Getreidegericht
2,5 Strugl] Strudel ä parte] (franz. à part): in ungewöhnlicher Weise geschmackvoll 2,7 Haiden-Brein] Hai-
den:Buchweizen/Brein:BreiausHirseoderBuchweizenmehl;Haiden-BreinoderauchHaiden-Sterzstelltebis
ins 18. Jahrhundert ein Grundnahrungsmittel dar und wurde erst im 19. und 20. Jahrhundert durch
Türken`
(Mais),KartoffelnundWeizenverdrängt
Bei aller satirischen Verkürzung und Abwertung spricht das Stereotyp doch auch tat-
sächliche Sachverhalte an. Bis heute gelten Hülsenfrüchte (Käferbohne) und Getreide-
gerichte(Sterz)alsSpezi kadersteirischenKüche.AufdasphysischeCharakteristikum
der Struma, das in den folgenden Strophen 3 und 4 angesprochen wird, wurde bereits
oben eingegangen (vgl. S.348). Ganz ähnliche Vorstellungen galten zur Entstehungszeit
desLiedsauchnochfürKärnten,dasgleichfallsüberkörperlicheundgeistigeDeforma-
tionenbzw.überseineKulinarikde niertwird:
5
InKärndtenbin ichauchschongwest/
dorthanichschonerfahren,
wasdrinengehtaufsallerbest/
gibtsnichtsalsKröpfundNarren/
dieKostvorordinari schier,
istBrein,Talken/undBlenten,
darzuvonStaindassaureBier,
seyn ihrvierElementen.68
5,5 vor ordinari] für gewöhnlich 5,6 Talken] Teig, teigige Masse Blenten] Plenten: Brei aus Buchweizenmehl
(von ital.
polenta`) 5,7 von Stain das saure Bier] Steinbier (bei der Erzeugung wird das Bier mit glühenden
Steinenerhitzt)
Bezeichnend für den satirischen Duktus ist, dass die negativen Seiten verallgemeinernd
hervorgehoben,diezweifellosgleichfallsvorhandenenpositivenaberverschwiegenwer-
den. Dass sich negative Erfahrungen auch charmanter darstellen ließen, zeigt etwa eine
vergleichbare Stelle aus einer zeitgenössischen Reisebeschreibung: Man trinkt also in
Kärnten vorzüglich steyersche, und italienische, auch tyrolerische Weine [...], beson-
ders da man im ganzen Lande eine Art Bier braut, das nicht zu trinken ist; es heißt das
67 DreyschöneWeltlicheLieder,DasErste: Jetztbinichmirschonsattgnuggraist,habetc.DasAnderte:Last
sichschonderFrühlingsehä,Buedasbringtetc.DasDritte:OFrühlings-Zeit, aufgrünerHayd, schönstes
etc.Gedruckt indisemJahr, f. 1r.
68 Ebda.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen