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NACHHALTIGE UND SPORADISCHE VOLKSSTEREOTYPE 369
Holzschnitzer zum Kauf anboten) 9,8 die Haar in Beitl hencken] der Haarbeutel war
unter Ludwig XIV.
Mode, bestand aus einem wattirten Beutel von schwarzem Taffet und sollte ursprünglich den zusammen-
gelegten Zopf oder das Hinterhaar einer Beutelperücke aufnehmen. (Herders Conversations-Lexikon 1855,
S.193f.)10,3Schmara -Gfriß]hierwohl:abwertendeBezeichnungfüreineFrau10,4Fleckl]Schönheitsp as-
ter (Mouches) aus gummiertem Taft und Samt als Kennzeichen französischer Mode und Lebensart bicket]
klebt 10,5 Madamsel] Scherzbildung aus Madame und Mademoiselle 10,6 än Rock als wie ä Glocken] An-
spielung auf den Reifrock, ein mit einem Gestell aus Gerten, Fischbein oder Ähnlichem gespreizter Rock
10,8 gstessenvoll]übervoll
Besonders die frankophoben Charakterisierungen hatten im deutschen Sprachraum
schondamalseineebensolangewiefruchtbareliterarischeTradition.Aufdie Alamode-
Lieder`, die die kulturelle Dominanz Frankreichs im deutschen Sprachraum anpranger-
ten, wurde bereits hingewiesen (vgl. Kap.4). Auch die vielen
Teutsch-Franzos`-Satiren,
mit denen
undeutsche` Ein üsse dem Verlachen preisgegeben wurden, operieren mit
denselben abwertenden Simpli zierungen.71 Zu den (seit 1714 österreichischen) Nie-
derlanden und Sachsen scheinen ähnlich gängige desavouierende Vorstellungsbilder
gefehlt zu haben, denn hier wird das Lied-Ich das sich ja eingangs als Narr vorgestellt
hat selbstzumObjektdesVerlachens:
11
InsHollandhabichmichägwagt,
undwie ichbinhinkemmä,
sohanich eissignachigfragt,
wosiedenStock schfangä,
alleindortgingesmirschier für/
siemöchtenmichansehen,
wohlvoreinsolchesWunder-Thier/
da thät ichwidägehen. 12
Vondortenbin ichweckgeraist,
habgesehenandereStrassen,
inSachsen,oderwiemanshaißt,
dasDingkunt ichnicht fassen/
dortendieLeuthseynsogeschickt,
undhöflichädarneben/
meinBaurn-Sprachsichnichtdaschickt,
müßtallnänNarrnabgeben.72
11,4Stock sch]durchTrocknunghaltbargemachterFischverschiedenerArt(Dorsch,Seelachsetc.)11,5ging
esmirschier für]kamesmirvor12,6 ädarneben]nochdazu
In beiden Fällen entlarvt sich der Sprecher als ungebildeter Tölpel, ob er nun einen
Begriff (KonservierungsmethodestattGattung)missverstehtoderunfähig ist, sichstan-
dardsprachlich auszudrücken. Sollte diese Strophe mit der geänderten satirischen Ziel-
richtung nicht nachträglich hinzugefügt worden sein, könnte sie Hinweise auf die Ent-
stehungszeitdesLieds liefern.Dennganzoffensichtlich istdasMinderwertigkeitsgefühl
des Ich im Kontext des barocken Sprachenstreits zu sehen, der um die Frage tobte, an
welchen Sprachvarietäten sich die schriftsprachliche Überdachung der Dialekte zu ori-
entierenhabe.GottschedalsmaßgeblicheAutoritätseinerZeitpositioniertedas sächsi-
sche`(ostmitteldeutsche)Meißnerdeutsch,währendseineGegnerwiederGengenbacher
Benediktiner Augustin Dornblüth vehement die Berücksichtigung regionaler Sprech-
gewohnheiten des süddeutschen Raums urgierten. Zum Zeitpunkt der Entstehung der
Sachsen`-StrophescheintdieAblösungderoberdeutschenSchreibsprachealsLeitvarie-
tät durch die ostmitteldeutsche Schriftsprache bereits beschlossene Sache zu sein. Ab
71 Vgl. u.a. Ruth Florack: Tiefsinnige Deutsche, frivole Franzosen. Nationale Stereotype in deutscher und
französischerLiteratur.Stuttgart/Weimar:Metzler2001. Florack,BekannteFremde.
72 DreyschöneWeltlicheLieder, f. 2r.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen