Seite - 370 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Bild der Seite - 370 -
Text der Seite - 370 -
OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR
370 FREMDES UND EIGENES
Mittedes18. Jahrhunderts intensiviertesichauchdiePejorisierungdesDialektsunddie
soziale Stigmatisierung seiner Sprecher, die in der Rekapitulation des sächsischen Auf-
enthalts anklingt. Ein Indiz für eine nachträgliche Erweiterung ist freilich, dass sie in
einerGrazerEinzalabschrift zu18Strophenfehlt.73
Wieder mit der gewohnten Verunglimpfung geht es dann in den folgenden Stro-
phen weiter. Das reiche Schlesien wird über Grobianismen in ein schlechtes Licht ge-
rückt,seineEinwohneralsEselfresserverlacht(einSpottnameungeklärterHerkunft,der
sich bis weit ins 19. Jahrhundert hielt). Den grobschlächtigen Böhmen wird hier nicht
ihre sprichwörtliche Musikalität, sondern eine unersättliche Diebeslust nachgesagt, den
Schwaben eine sagenhafte Feigheit, wie sie in Schwänken, Spottliedern und Märchen
(Die sieben Schwaben) seit dem 16. Jahrhundert vielfach thematisiert wurde; dazu auch
nochVerlaustheit.
13
Aftdacht ichher /aftdacht ichhin,
woaus ichsoltegehen/
dakomtsmirendlich indenSinn,
dasSchlesienzubesehen,
dorthabensalls inAbundänz,
Käß,Kuh-Dreck/MilchundButter,
wannmanbetrachtdiegantzSubstantz,
kommtsallsvoneinerMutter. 14
Abereins istwasmichhatg'schröckt,
daskanichnichtverhalten,
änEsel sey inLandverreckt,
manhörtsvonJungundAlten,
siezäpften ihnvonhintenan/
dasBierherauszupressen,
undwassienochmehrhabengethan,
denEselhabensgarg'fressen.
15
DieBöhmenhabenKöpfwieStier,
undseyndfastall leibeygen/
dieKerl sauffenvastnichtsalsBier,
bisGerbenausserspeyben/
dasStellenhabensäschong'wohnt,
sie seynalswiedieKatzen/
keinNagl stecktnicht inderWand,
sie thuninausserkratzen. 16
InSchwabenbin ichauchmarschiert,
weil ichhabghörterzehlen/
wienämbläSchwabensoguräschiert,
daß9.von10.Ellen/
miteinenSpießsichhabengwagt,
wohlübereinenHaasen,
undhabensonstennichtserjagt,
alsnurein langeNasen.
17
Wie ichbinkemmäausdenLand,
müst ichmichschierTodkratzen,
Leißhab ichkriegt fürs'Vatterland/
vonihrenG'sindundFratzen,
wieZeckenfangensz'kriechenan,
ichhät schier scheltenmögen,
beymSchlapprament,undMordion/
sienahmenmirschier s'Leben.74
13,1 Aft] dann 13,5 Abundänz] (lat. abundantia): Über uss, Reichtum 14,8 den Esel habens gar g'fressen]
seit dem 16. Jahrhundert nden sich zahlreiche legendarische Begründungen dafür, warum die Schlesier als
Onophagen verschrien waren; u.a. dienen dabei Dummheit, Arbeitskraft oder Geiz als Motivation 15,2 leib-
eygen] abhängig von einem Leibherrn, der zu Frondiensten, Abgaben und weiteren Zwängen verp ichten
konnte15,4Gerben]OberhefedesBieres;hierauch:Erbrochenesausser]heraus16,3nämblä]nämlichgurä-
schiert]mutig,verwegen16,4von10.Ellen]Längenmaß(WienerTuchelle=0,776m);ausderEntfernungvon
73 Vgl. Jetzt bin i mi schan sot gnueg, greist (Steiermärkisches Landesarchiv, Hs 1109), f. 1r. Es fehlen im
Vergleich mit der Flugschriftfassung die Berichte über Slowenien, Sachsen, Schlesien und Salzburg. Die
Strophenfolgen1 5sowie16 18sind identisch,6 15entspricht7,20,8,9,10,16,17,18,15und11.
74 DreyschöneWeltlicheLieder, f. 2v 3r.
zurück zum
Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen