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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 392 FREMDES UND EIGENES zungen der nicht-deutschen Bevölkerungsteile nach Sprachnation oder Ethnie, wie sie sich im 19. Jahrhundert mit zunehmender Rigidität ausbildeten,117 lassen sich dagegen nicht feststellen – im Gegenteil: Obwohl der Bauer hier explizit als Kroate bezeichnet wird,weisendiefremdsprachlichenBegriffe,dieerverwendet,eindeutiginsUngarische. DeutlichwirddieseUnschärfeauchinderEntgegnungderWienerin,siewollenichtwie eine „ Ungarin“ (Str.8,8) gekleidet sein. Diese Vermischung der ethnischen Zuordnung, die schon Blümml konstatierte,118 wurde mit der Gruppe der Burgenland-Kroaten be- gründet, die in damals zu Ungarn gehörigen Gebieten lebten.119 Doch sind derartige Zuschreibungen, die von rezenten nationalen Vorstellungen ausgehen, mit Vorsicht zu genießen. Letztendlich dient die Rolle des Kroaten (oder Ungarn) im Text vor allem als Platzhalter für einen Fremden, dessen konkrete ‚ nationale`, ethnische und eben sogar sprachliche Einordnung im zeitgenössischen Diskurs schlicht nicht von Relevanz war. Der Dialog zwischen dem werbenden Kroaten/Ungarn und dem ablehnenden Wie- ner Mädchenarbeitet letztlichunüberbrückbare Differenzen aufverschiedenen Ebenen heraus. Thematisiert wird etwa die Sprache, die in der Aufzählung der Hindernisse dezidiertgenanntwirdundzugleichdie formaleGestaltungdesLiedsprägt:DerKroate wird durch ein Kauderwelsch aus Dialekt120 und fremdländischen Sprachmerkmalen gekennzeichnet,währendfürdenweiblichenPart interessanterweise nichtetwaWiener Dialekt, sondernStandardspracheverwendet wird.Damitwird indiesemFall nebenei- ner ‚ nationalen` aucheinesozialeGrenzemarkiert:DerMannwirdnichtnuralsKroate, sondernauchalsBauerpositioniert, alsoderUnterschichtzugeordnet. Auch Kleidung und Aussehen, vor allem aber Sitten und Lebensart werden als tren- nend herausgestellt, wobei Hafner das Wiener Mädchen gleich mehrmals betonen lässt, dass es einen solchen Kroaten gar nicht lieben könne. Während sie die „ Deutschen“ als „ zärtlich“ und „ bezaubernd“ beschreibt, werden ihm seine – negativ zu verstehen- den– stereotypenEigenschaften invorgeblichverteidigenderWeiseselbst indenMund gelegt. So will er seinen Verstand mit seiner Expertise bei Knoblauch, Zwiebel und Kapaun belegen – eine deutliche Anspielung auf die Vorliebe für Zwiebel und Knob- lauch in der osteuropäischen Küche sowie auf die Figur des ‚ kroatischen Zwiebelkrä- mers`, die u.a. auch in Kaufruf-Darstellungen des 18. Jahrhunderts zum Typeninventar 117 Vgl.Leerssen,Nation,VolkundVaterland,S.171und177. 118 Vgl.EmilKarlBlümml: [Nachwort]. In:Hafner,ScherzundErnst [Reprint],S.77. 119 Vgl. Kurt Nemetz-Fiedler: Die Lyrik Philipp Hafners. Wien 1927 [Diss.], S.87. Blümml, der die Figur als „ ungarischen(kroatischen)Bauern“ bezeichnet,weistaufdieBauernausdemÖdenburgerundEisenbur- gerKomitathin,diedamalsvorallemHeuundStrohaufdenWienerMarktlieferten,undstelltdamiteine Verbindung zu der ‚ Heubauern`-Figur her (Blümml, [Nachwort], S.77f.). Auch Karl M. Klier verfolgte in einemnichtmehrpubliziertenProjekteineähnlicheThese,dieallezu‚ Ungarn` und‚ Kroaten` überlieferten populärenLiedermitdieserVolksgruppeinBeziehungsetzte.Vgl.dazuJakobM.Perschy:„ Echter“ Heu- bauer und „ falscher“ Krowod: Das letzte Projekt des Volksliedforschers Karl Magnus Klier. In: Archivar und Bibliothekar. Bausteine zur Landeskunde des burgenländisch-westungarischen Raumes. Festschrift fürJohannSeedochzum60.Geburtstag.Eisenstadt:Amtd.Burgenländ.Landesregierung1999.(Burgen- ländischeForschungen,Sonderband22)S.330– 335. 120 NebeneinzelnenBegriffenundDialektein ussaufEbenevonMorphologieundSyntaxfälltvorallemdie Verwendung der ui-Form auf, die für einzelne ostösterreichische bzw. westungarische Regionen typisch istundfürdiesprachlicheCharakterisierung‚ ungarischer`Figurenim18. Jahrhunderthäu gherangezo- genwurde;vgl. etwaauchuntendieHeubauern-Lieder.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800