Seite - 392 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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392 FREMDES UND EIGENES
zungen der nicht-deutschen Bevölkerungsteile nach Sprachnation oder Ethnie, wie sie
sich im 19. Jahrhundert mit zunehmender Rigidität ausbildeten,117 lassen sich dagegen
nicht feststellen im Gegenteil: Obwohl der Bauer hier explizit als Kroate bezeichnet
wird,weisendiefremdsprachlichenBegriffe,dieerverwendet,eindeutiginsUngarische.
DeutlichwirddieseUnschärfeauchinderEntgegnungderWienerin,siewollenichtwie
eine
Ungarin (Str.8,8) gekleidet sein. Diese Vermischung der ethnischen Zuordnung,
die schon Blümml konstatierte,118 wurde mit der Gruppe der Burgenland-Kroaten be-
gründet, die in damals zu Ungarn gehörigen Gebieten lebten.119 Doch sind derartige
Zuschreibungen, die von rezenten nationalen Vorstellungen ausgehen, mit Vorsicht zu
genießen. Letztendlich dient die Rolle des Kroaten (oder Ungarn) im Text vor allem als
Platzhalter für einen Fremden, dessen konkrete nationale`, ethnische und eben sogar
sprachliche Einordnung im zeitgenössischen Diskurs schlicht nicht von Relevanz war.
Der Dialog zwischen dem werbenden Kroaten/Ungarn und dem ablehnenden Wie-
ner Mädchenarbeitet letztlichunüberbrückbare Differenzen aufverschiedenen Ebenen
heraus. Thematisiert wird etwa die Sprache, die in der Aufzählung der Hindernisse
dezidiertgenanntwirdundzugleichdie formaleGestaltungdesLiedsprägt:DerKroate
wird durch ein Kauderwelsch aus Dialekt120 und fremdländischen Sprachmerkmalen
gekennzeichnet,währendfürdenweiblichenPart interessanterweise nichtetwaWiener
Dialekt, sondernStandardspracheverwendet wird.Damitwird indiesemFall nebenei-
ner nationalen` aucheinesozialeGrenzemarkiert:DerMannwirdnichtnuralsKroate,
sondernauchalsBauerpositioniert, alsoderUnterschichtzugeordnet.
Auch Kleidung und Aussehen, vor allem aber Sitten und Lebensart werden als tren-
nend herausgestellt, wobei Hafner das Wiener Mädchen gleich mehrmals betonen lässt,
dass es einen solchen Kroaten gar nicht lieben könne. Während sie die Deutschen
als zärtlich und bezaubernd beschreibt, werden ihm seine negativ zu verstehen-
den stereotypenEigenschaften invorgeblichverteidigenderWeiseselbst indenMund
gelegt. So will er seinen Verstand mit seiner Expertise bei Knoblauch, Zwiebel und
Kapaun belegen eine deutliche Anspielung auf die Vorliebe für Zwiebel und Knob-
lauch in der osteuropäischen Küche sowie auf die Figur des kroatischen Zwiebelkrä-
mers`, die u.a. auch in Kaufruf-Darstellungen des 18. Jahrhunderts zum Typeninventar
117 Vgl.Leerssen,Nation,VolkundVaterland,S.171und177.
118 Vgl.EmilKarlBlümml: [Nachwort]. In:Hafner,ScherzundErnst [Reprint],S.77.
119 Vgl. Kurt Nemetz-Fiedler: Die Lyrik Philipp Hafners. Wien 1927 [Diss.], S.87. Blümml, der die Figur als
ungarischen(kroatischen)Bauern bezeichnet,weistaufdieBauernausdemÖdenburgerundEisenbur-
gerKomitathin,diedamalsvorallemHeuundStrohaufdenWienerMarktlieferten,undstelltdamiteine
Verbindung zu der Heubauern`-Figur her (Blümml, [Nachwort], S.77f.). Auch Karl M. Klier verfolgte in
einemnichtmehrpubliziertenProjekteineähnlicheThese,dieallezu
Ungarn` und Kroaten` überlieferten
populärenLiedermitdieserVolksgruppeinBeziehungsetzte.Vgl.dazuJakobM.Perschy: Echter Heu-
bauer und falscher Krowod: Das letzte Projekt des Volksliedforschers Karl Magnus Klier. In: Archivar
und Bibliothekar. Bausteine zur Landeskunde des burgenländisch-westungarischen Raumes. Festschrift
fürJohannSeedochzum60.Geburtstag.Eisenstadt:Amtd.Burgenländ.Landesregierung1999.(Burgen-
ländischeForschungen,Sonderband22)S.330 335.
120 NebeneinzelnenBegriffenundDialektein ussaufEbenevonMorphologieundSyntaxfälltvorallemdie
Verwendung der ui-Form auf, die für einzelne ostösterreichische bzw. westungarische Regionen typisch
istundfürdiesprachlicheCharakterisierung
ungarischer`Figurenim18. Jahrhunderthäu gherangezo-
genwurde;vgl. etwaauchuntendieHeubauern-Lieder.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen