Seite - 394 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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394 FREMDES UND EIGENES
Crabatischer Hühner-Krammer singt,126 ist wohl kaum das
Original`, sondern ver-
mutlich eine Theateradaption eines geläu gen Lieds. Wo auch immer dessen Ursprung
liegen mag spätestens um 1800 scheint es größere Beliebtheit erlangt zu haben, wie
mehrere erhaltene Flugschriftendrucke der Zeit mit einer 9-strophigen Fassung bele-
gen.127 Hier rückt die Figur des infantilen Pantoffelhelden in den Mittelpunkt, der von
seinerbösenFrauschikaniertwird:
1
ArmKroatl,nichtszu leben,
nichtsmehrMadelBratzelgeben,
nichtsmehr tanzenkroatisch,
nichtsmehr tanzenhophop, frisch. 2
WeibhatarmKroatl schlagn,
undhatausdieHäuserl jag'n,
hatdieGatiaufgehebt,
undaufsArscherlFick,Fickgebt.
3
Mußalleweilmit leereMagen
HündlBuckerl,Kraxel tragen,
möchtoft schmeißenTeufelweg,
mitdie treckeGeberneck. 4
MußalleweilwieNarrumlaufa,
schreyen:aZwiefelaKnoffelkaufa;
isnitgutimehrwieeh,
armKroatl thutBaucherlweh.
5
GiebstmirHündlviel zuschaffen,
laßnitbeyderNachteinschlaffen,
schreyen,alleweilKikriki,
undinallerFrühzwickaufmi. 6
KannkainSpeckkainZwifelkrigen,
mußwieOxelWagenziehn,
nichts ist schlechtersunterTag
unterHeuwagenBetterlmach.
7
TeufelmachbeyWeibmehrbleiben,
dermichausdieHauswill treiben,
möchtoft laufen iarmerMann
vondirHundaufunddavon. 8
IndieWeibhatTeufeldrinna,
weilenwiedieWaskodina,
wanschlugTeufelabdasKnack,
vorKroatl tobre tak.
9
KroatlnichtsmehrWeiberlkaufen,
weil erwiedieTeufel raufen,
lieber, allein lustig spring,
unddazukroatischsing.128
1,2 Bratzel] Hand 2,3 Gati] (Unter)Hose 2,4 Fick, Fick] (onomatopoetisch für) Schläge 3,2 Hündl] Hühner
Buckerl,Kraxel]aufdemRücken3,4 treckeGeberneck]dreckigenÜbermantel(eig.ung.köpönyeg:
Umhän-
gemantel`,vontürk.kepenek:
ungenähter,ärmelloserFilzüberwurf`deranatolischenSchäfer)8,2Waskodina]
?8,3 Knack]Genick8,4 tobretak] (kroat.)gut so, inOrdnung
werden. Einige der Arien sind daher eher standardsprachlich orientiert, andere markieren fremdspra-
chigen Akzent und einige Dialekt. Eine spätere, durch einen Theaterzettel von 1766 belegte Fassung des
Stücks schreibt Brandner-Kapfer allerdings mit Zweifeln Joseph Felix von Kurz zu, der jedoch wohl
eher nur als Bearbeiter der älteren Fassung zu gelten hat. Vgl. Brandner-Kapfer, Johann Joseph Felix von
Kurz,S.13f.und634.
126 DieArieumfasstnebeneinerzusätzlichenAnfangsstrophe(Incipit: Schauteran,daßunsrän )die1.,2.
und4.StrophedesLieds.
127 Der älteste bekannte Flugschriftendruck ist um 1800 entstanden: Vier schöne neue Weltliche Lieder. Das
Erste.ArmKroatl,nichtszuleben,nichts/DasZweyte.Schwerin,bistwirklichtodt,kommst/DasDritte.
Wahres Lieben, süßes Leben, wo zwey / Das Vierte. So trift mich das Schicksal, so soll / Gedruckt in die-
sem Jahr. [9 Strophen] Vier weitere undatierte oder spätere Drucke (bis 1823) führt Wolkan in seiner
SammlunghistorischerWienerVolksliederan,vgl.Wolkan,WienerVolkslieder2,S.351f.
128 VierschöneneueWeltlicheLieder, f. 1v 2r.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen