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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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GRENZGÄNGER DER SPRACHEN 395 Komisierungseffekte wie der weinerliche Tonfall, die demonstrative Hilflosigkeit oder die mit Diminutiva akzentuierte Kindlichkeit verband man zu dieser Zeit mit der da- mals populärsten lustigen Figur, dem (von Johann La Roche verkörperten) Kasperl. Nicht umsonst ndet sich eine umgearbeitete Variante des Lieds auch in einem (par- odistischen)Kasperl-Stückvon1781 (ArmerKasperl,nixzu lebn).129 Der Fremde als lustige Figur im Typeninventar des Theater- und Liederkorpus be- gegnetunsschließlichauchinden‚ Heubauer`-Liedern,dieinmehrerenab1796inWien gedruckten Flugschriften überliefert sind. In ihnen wird der Andere – trotz der deut- lichen sprachlichen Markierung als Ungar und einer dementsprechenden Kostümie- rung – eher als Wiener Typus und volkstümliche Figur inszeniert, die für Unterhaltung in diversen Wirtshäusern sorgte und bei Bedarf auch für patriotische Zwecke heran- gezogen werden konnte, wenn es galt, einen Sieg oder den Geburts- oder Namenstag von Angehörigen des Herrscherhauses zu besingen. Der Heubauer wird dabei einer- seits als exotische Figur gezeichnet, andererseits aber auch dem Figureninventar der Wiener Typen einverleibt und als ‚ urwüchsig` und ‚ original` wienerisch/österreichisch markiert.130 Eigenes und Fremdes gehen damit eine für diese Figur charakteristische Verbindung ein. Sozialhistorisch lässt sich die Heubauern-Figur wohl auf jene Bauern ausderRegiondes‚ Heidebodens`östlichdesNeusiedlerseesimdamaligenWieselburger Komitatzurückführen,diedieStadtWienbisweit ins19. Jahrhundert„ fastmonopolar- tigmitHeualsPferdefutter“ 131 versorgten.FreilichwareneskeineswegsdieHeubauern selbst, die unter dieser Bezeichnung auftraten, sondern Volkssänger, die sich dieses im StadtbildwohlbekanntenTypusundseiner ‚ Farbigkeit` inKleidungundAussprachebe- dienten.132 EntsprechendverweistderJargonderFigur,derdurchFehler inPhonologie, Morphologie und Syntax, mehr oder weniger ungarische Wendungen und häu g auch durchui-Mundartcharakterisiert ist, eheraufdie„ gängigenVorstellungendesdeutsch- sprachigen Wiener Publikums vom slawischen [bzw. ungarischen] Radebrechen“ 133 hin als auf einen wirklich gesprochenen Dialekt. Die Sprachmischung dient dabei der Figu- rencharakterisierung, erfüllt aber auch einen anderen poetischen Zweck: Das Spiel mit BetonungsverschiebungenermöglichterstdieEinhaltungdesVersmaßes, falscheWort- stellungen ‚ retten` sonst unmögliche Reime, Enjambements brechen das sonst eintönige 129 Im Anhang des 1781 gedruckten Anti-Kasperl-Pamphlets Etwas für Kasperls Gönner ndet sich das als boshafte Parodie gestaltete Kasperlstück Das Spiel der Liebe und des Glücks, oder Kasperl, der geglaubte Printz der Insul Csiri Csari, in der als Arie des Kasperl Teile der ersten und vierten Strophe dieses Lieds verwendetwerden:„ ArmerKasperlnixzulebn,/NixdenMadelnPratzlgebn,/Nichtsmehrsagenalswie eh/ArmerKasperlhatBaucherweh.“ (EtwasfürKasperlsGönner.Wien1781,beySebastianHartl.burgl. Buchbinder, inderSingerstrassenebenSt.Stephansthor,S.11f.;EditionbeiGugitz,DerWeilandKasperl, S.91).– Vgl.dazuauchKap.8. 130 Vgl.dazuauchRapp,WienerTypen,S.146.– Kos,Einleitung,S.16. 131 MichaelJosephGmasz:DastraditionelleHochzeitsliedaufdemburgenländischenHeideboden.Unterbe- sondererBerücksichtigunghandschriftlicherLiederbücherundPrivatchroniken.Wien2013[Dipl.],S.14. 132 Perschy weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass nur der ungarische bzw. auch kroatische, nicht aber der deutschsprachige Heubauer vom Heideboden, den es ja auch gab, zur Figur stilisiert wurde, was „ sicher im mangelnden Exotismus des Letztgenannten begründet“ liegt, vgl. Perschy, „ Echter“ Heubauer und„ falscher“ Krowod,S.333. 133 Ebda.,S.332.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800