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SELBSTREFLEXIONEN 399
zum Anderen doch immer in einem als verbindlich verstandenen (metaphysisch legi-
timierten) Sinnzusammenhang. Das Gedicht als Re exions- und Diskussionsraum legt
dem potentiellen Leser also keine Neuorientierung in einer problematisierten Umwelt
nahe, sondern zeigt Möglichkeiten der Integration bzw. des Beharrens im Bestehenden
auf.
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art (1780) zu verstehen, eine vergleichsweise simple Eigencharakterisierung, in der sich
das Ich als anständiger, lebenslustiger und gottesfürchtiger Mensch vorstellt, der gleich-
wohl um seine kleinen Schwächen weiß und zu diesen steht. Die zahlreichen Züge des
Typischen und Allgemeinen verweisen auf einen mittleren Charakter`, wie er seit der
Antike in der Tugendethik diskutiert wird. Gemäß der aristotelischen Mesotes-Lehre
soll man zur Erlangung von Tugend das Mittel zwischen zwei Extremen suchen, wo-
bei dieses Mittlere individuell vom jeweiligen Charakter abhängig ist. Anzustrebende
Tugenden sind Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung, auch Freigebigkeit,
Seelengröße, Hilfsbereitschaft, Sanftmut, Wahrhaftigkeit, Höflichkeit und Einfühlsam-
keit. Sie zu erlangen ermöglicht dem Menschen die Harmonie mit sich selbst. Thomas
von Aquin fügte dem Katalog klassischer Tugenden noch die theologischen Tugenden
Glaube, Liebe und Hoffnung hinzu. Beinahe alle diese Tugenden sind hier mehr oder
wenigerexplizit angesprochen:
1
Ihbinhalt schonäso:
ÄFreunddäganzenweitenWelt,
VälangmäweitänötvielGelt,
Äwengwünsch ihmädoh,
Ihbinhalt schonäso.
[...] 2
Ihbinhalt schonäso:
Wermihgernhat,den lieb ihäh
Undwennmärainrschanghäßiwä;
So liebet ihnghaltdoh,
Ihbinämaläso.
[...]
4
Ihbinhalt schonäso:
Nötz'hö ih,aferähnötz'grob,
HörgernderandernLeut iehnLob;
Mein'sgleihwohl liebänoh.
Ihbinhalt schonäso.
[...] 6
Ihbinhalt schonäso:
Ihgiebgernausundnimmgernein;
Müßtafer ihdäNarr just seyn:
Soscheretsmihschandoh.
Ihbinhalt schonäso.
7
Ihbinhalt schonäso:
Ihbingleihhärb,undbigleihgut,
Danahmämiansuchäthuet:
MeinRechtenghalt ihdoh.
Ihbinhalt schonäso. 8
Ihbinhalt schonäso:
Wo's lusti zugeht,halt ihmit,
Wo's trauriaussiecht,bleib ihnit,
Mitleidibin ihdoh,
Ihbinhalt schonäso.
[...]
9
Ihbinhalt schonäso:
Geht'sgut; sodenkih:waißnöt,was?
Geht'safäschlecht; so tröstmihdas:
DeraltiGott lebtnoh.
Ihbinhalt schonäso. 11
Ihbinhalt schonäso:
IhdenkmeinThailhübsch indäStill
Ih loßdäbeyundrödnötviel
ÄKennähanIdo
Ibihalt schonäso!
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen