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404 BRAUCHTUM UND GESELLIGKEIT
Ausdrücke als mögliche Ergänzungen zum Wortschatz der Hochsprache` aufgewertet
wurden. Andreas Zaupser etwa, der 1789 die erste bedeutende bayerische Idiotismen-
sammlung nach Johann Ludwig Praschs ein Jahrhundert älteren Pionierarbeiten vor-
legte, gibt nicht nur einen Anhang mit Sprichwörtern und Volksliedern 4 aus Bayern
und der Oberpfalz, sondern fügt bei zahlreichen mundartlichen Lemmata ethnologisch
bemerkenswerte Erläuterungen zu traditionellen volkskulturellen Handlungsmustern
hinzu.5 Ebenso aufschlussreich für das Brauchtum in der Habsburgermonarchie sind
die umfangreichen sprachwissenschaftlichen Arbeiten des Sprach- und Naturforschers
Johann Siegmund Valentin Popowitsch, dessen Wörterbuchprojekt allerdings erst vor
wenigen Jahren ediert wurde.6 Auch Hübner erstellte für den dritten Band seiner Lan-
desbeschreibung eine umfangreiche Liste mit Salzburger Mundartausdrücken. Schon
früh wurde dabei auf den ursächlichen Zusammenhang zwischen Regiolekt und identi-
tätsbildendenbzw. integrationsstiftendenBräuchenhingewiesen.
Neben der allgemeinen Brauchtumsdichtung im Jahreslauf, die in regelmäßig wie-
derkehrenden, ritualisierten Kontexten zum Einsatz kam (und zuweilen bis heute in
variierter Form vorkommt) wie Arbeitslieder, Ansingelieder oder Glück- und Segens-
wünsche, stehenkontextbezogeneGelegenheitstexte,diezukonkretenindividuellenEr-
eignissen und Schwellensituationen im Lebenslauf gedichtet und aufgeführt wurden
zu religös motivierten Anlässen wie Taufe, Hochzeit, Primiz oder Kirchweih oder zu
profanen Feiern wie Geburtstag, Promotion oder auch zu einem Jagderfolg. Etliches
davon wurde bereits in den Kapiteln zuvor angesprochen und muss hier nicht mehr
vorgestellt werden. An keine konkreten jahreszeitlichen, biographischen oder beruf-
lichen Fixpunkte gebunden sind Freizeit- und Unterhaltungslieder, die das gesellige
Beisammensein am Land und in der Stadt thematisieren und zugleich zu dessen da-
mals wichtigsten Konstituenten zählen. Aber auch Tanzformen, Spiele oder Geschick-
lichkeitsbewerbe sind mit dialektalen Elementen überliefert. In der Inszenierung solch
bäuerlichen` ZeitvertreibsundBrauchtumsfandschließlichbürgerliches,klerikalesund
hochadeligesPublikumwiederumseineeigeneBelustigung.
4 AndreasDominikusZaupser:VersucheinesbaierischenundoberpfälzischenIdiotikons.Nebstgrammati-
kalischenBemerkungen,überdiesezwoMundarten,undeinerkleinenSammlungvonSprichwörternund
Volksliedern.München,beyJosephLentner1789.
5 Zu den Idiotika-Sammlungen vgl. Walter Haas: Die Jagd auf Provinzial-Wörter`. Die Anfänge der wis-
senschaftlichen Beschäftigung mit den deutschen Mundarten im 17. und 18. Jahrhundert. In: Klaus Matt-
heier/Peter Wiesinger (Hg.): Dialektologie des Deutschen. Forschungsstand und Entwicklungstendenzen.
Tübingen: Niemeyer 1994, 329 365. Walter Haas: Provinzialwörter. Deutsche Idiotismensammlungen
des18. Jahrhunderts.Berlin/NewYork:deGruyter1994.
6 Vgl. JohannSiegmundValentinPopowitsch:VocabulaAustriacaetStiriaca.NachderAbschriftvonAnton
Wasserthalhg.undeingeleitetvonRichardReutner.2Tle.Frankfurta.M.:Lang[u.a.]2004.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen