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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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LIEDERLICHE LIEDER UND ANDERE ANSTÖSSIGE TEXTE 507 macht einen Text wie den vorliegenden – bei aller Derbheit und Banalität – mit Blick aufsozialeNormvorgabenundZensurdruckauchspannend.57 AbderMitteverlegtsich das 20-strophige Lied mit der Beschreibung unterschiedlicher Ausscheidungsprozesse sowie eines ekelerregenden Mahls ganz auf die weniger tabuisierte Fäkal- und Ekelko- mik,wiewir siebereitskennengelernthaben: 10 Jakelgehgschwindwobist, dascheiß iaufnMist, d'SuppenstehtaufdenTisch, wartbis ichsLochauswisch, geltduwischtä, halt ja imoanä, eydastihaltä. 11 Buemafrestswasengschmeckt, derHundisterstverreckt, d'Bäurinhatnhaisabgsotten, frestdarzuSemelknotten, geltdufristä, halt ja imoanä, eydastihaltä. 12 AftkriegtsänMillireis, sänKernwieBettlerläus, äSau eischädazu, afthommägfressengnue, geltdufristä, halt ja imoanä, eydastihaltä. [...] 58 11,1 eng]euch11,4 Semelknotten]Semmelknödel12,4 hommä]habenwir gnue]genug Subtiler als in der parodierten Offenlegungssituation der Ohrenbeichte oder durch die Brachialmetaphorik von Arbeitsliedern werden sexuelle Inhalte in Textsorten zum Pu- blikum geschmuggelt, die sich das Mäntelchen der neutralen Berichterstattung und moralischen Entrüstung umhängen, um das Tabu der Thematisierung des Obszönen zu umgehen. Besonders gewieft operiert hier die unter dem Akronym „ A. v. M.“ er- schieneneantiklerikaleStreitschriftNeuesterHexenproceßausdemaufgeklärtenheutigen Jahrhundert (1786), die einen authentischen (?) Mordfall im niederbayrischen Neuberg zur Agitation gegen den von konservativer katholischer Seite noch immer geförderten Hexenglaubennutzt.EinejungeBäuerinhabeaufAnrateneines‚ Hexenpaters`dieGroß- mutter ihres Mannes erschlagen, da deren Kühe im Gegensatz zu den ihren reichlich Milch gaben. Zuvor aber habe dieser P. Benno aus dem Franziskanerkloster zu F. die naive Neubergerin zu sexuellen Handlungen genötigt – eine Szene, die ohne großen Erkenntnisgewinn, doch zur Unterhaltung der Leser ‚ lustvoll` detailliert rekonstruiert wird. Dass die leichtgläubige Genötigte dabei als Dialektsprecherin inszeniert wird, soll ihreSimplizitätunterstreichen,die ihrzumVerhängniswird. Die junge Bäuerin begehrte also den Hexenpater, den man ihr herab rief, und welcher sie in ein dazubesondersbereitetesZimmerführte,undmitBierbediente.Anfänglichhörtemandenjun- gen Paterwenig sieunterbrechen – Als aber das liebe Weibchenausgeredt, und ihreNoth wegen derZaubereygeklagthatte– engeran:– 57 Vgl. zu diesem Zusammenhang etwa Rudolf Schenda: Volk ohne Buch. Studien zur Sozialgeschichte der populärenLesestoffe1770– 1910.Frankfurta.M.:Klostermann1970,S.368f. 58 ZweyschöneneueWeltlicheLieder, f. 3v.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800