Seite - 508 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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508 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
Bäuerin! Bäuerin! Da muß was anders als die Alte Schuld seyn wie meynts ihr! B. Ich? Ja
mein Gott! Wo solls dann fehlen? P. Habt ihr euern Mann treulieb? ? B. O ja von Herzen gern!
P. Seyd ihr mit ihm zufrieden? B. Ja! Ihr Hochwürden! P. Thut er seine Schuldigkeit, seyd auch
ihr zufrieden? B. Ja! P. Versteht mich wohl! Ich meyn's so, ob er bei der Nacht im Bette thut, wie
ihr es verlanget, so lang und viel? B. Aber ey! (voll Scham) Ihr Hochw P. Ja nur heraus mit
der Sprache, denn da kommt viel darauf an also? B. Ja! Ihr Hochwürden. P. Hm! Hm! (ergreift
ihreHand)Weib!Weib!beinahekommeichaufandereGedanken!B.Aber,IhrHochwürden, ich
bitt enk um Gotteswillen werds ja mich für kai Hex halten? P. Das nicht, Weible, aber wie!
Macht 'nmal eur Mieder auf! B. Ihr Hochwürden! Was denken's? ist ja ä Schand! P. Ich kann
euchnichthelfen IchkommsonstnichtaufdieSpur Nun B. InGottesnamen!AberHerr!P.
So! schonwiedernähereSpuren(indemerdievolleBruststreicht drückt undzuleztsaugt)
B.Aber, IhrHochwürden,was istdenndas?Ojeges!WennsayMenschsehet P.Haltdich,När-
rin! (saugt immerfort)B.Nuwaszeigt sichdenn?P. (VollFeuer) Ja,Mütterchen! Ichspürezwar,
daß eine Hexerey in eurem Leib ist aber noch weis ich nit, kömmts von eurer Alten, oder gar
von eurem Manne her und um das zu nden, müßt ihr euch schon da niederlegen. B. Ja! Was
woll'es dän thai mit mir? P. Das werdet ihr schon sehen Gelt, ihr seyd schwanger? B. Ja! Ihr
Hochwürden! P. Nun schaut! Das Kind ist verhext, und da wird euch ein schöner Bankert Freud
machen,undeinmalaufdemScheiterhaufenbrinnen,(brennen)wennicheuchnichthelfe und
esgebeneuchdieKühekeineMilch,bisdageholfen ist gebteuchalsonurwillig,undlegteuch
nieder B. Nun, wanns Ihr Hochwürden befehlen! (die Arme stand während voriger Rede da,
undwußtenicht,wieihrgeschah willig legtesiesichaufdenBoden,undderFranciskanerfährt
fort) P. Nun hebt die Röcke weg! B. Aber, Ihr Hochwürden! Ich schäm mich ja! P. Ey was schä-
men! Fällt mit räuberischer Wollust über die arme Betrogene hin, und Eine schauderhafte
Scene für ehrliche Männer. Nachdem er sie geschändet hatte, sprang er hastig in die Höhe, und
machtdieschändlichstenSachen.59
Ojeges]AusrufzumAusdruckderBestürzung(Verballhornungvon
OJesus`) woll'es]wollt ihr thai] tun
Geschickt wird hier unter den Fahnen der Aufklärung Lust-Kontrebande betrieben,
die zur Erheiterung der Lesenden die sexuelle Nötigung mit den narrativen Mitteln
der Schwankliteratur bzw. in Nachfolge von Bocaccios Decamerone (mit dem es die
antiklerikale Ausrichtung teilt) vermittelt. Mit einem scheinheiligen Kommentar zur
schauderhaften Scene` des Geschlechtsakts versichert der Autor den
ehrlichen Män-
nern` ihre eigene überlegene Moral, während zuvor Lust und Befriedigung der Frau als
widersinnigerHexenbeweisgenüsslichvorgeführtwerden.
WennvonweiblicherSexualität imöffentlichenDiskursdieRedewar,dannamehes-
tennochimZusammenhangmitdenDienstendesältestenGewerbes,wie imfolgenden
Doppellied über den Graben und seine Nymphen`. Die Prachtstraße in der Wiener In-
nenstadt zwischen Stephansplatz und Kohlmarkt galt im 18. Jahrhundert nicht nur als
gesellschaftlicher Treffpunkt, an dem man, wie Pezzl in seiner Skizze von Wien (1788)
schreibt, stets vornehme und schön geputzte Leute beiderlei Geschlechts in Wagen, zu
Pferde und zu Fuß vorüber gehen 60 sehen konnte. Sie war auch ein Ort volkstümlicher
Belustigungenund, insbesondereseitder josephinischenZeit,
TummelplatzderProsti-
tuierten 61. Wie man sich die Anlockung der Freier durch die Straßendirnen in diesen
59 NeuesterHexenprocessausdemaufgeklärtenheutigenJahrhundert.OderSodummliegtmeinBayrisches
VaterlandnochunterdemJochderMöncheunddesAberglaubensvonA.v.M.[o.O.]1786,S.5.
60 [JohannPezzl:]SkizzevonWien.FünftesHeft.Wien/Leipzig:Krauss1788,S.717.
61 Vgl.FelixCzeike:DerGraben.Wien/Hamburg:Zsolnay1972,S.62f.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen