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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 508 KÖRPER UND SINNLICHKEIT Bäuerin! Bäuerin! Da muß was anders als die Alte Schuld seyn – wie meynts ihr! – B. Ich? Ja mein Gott! Wo solls dann fehlen? P. Habt ihr euern Mann treulieb? ? B. O ja von Herzen gern! P. Seyd ihr mit ihm zufrieden? B. Ja! Ihr Hochwürden! P. Thut er seine Schuldigkeit, seyd auch ihr zufrieden? B. Ja! P. Versteht mich wohl! Ich meyn's so, ob er bei der Nacht im Bette thut, wie ihr es verlanget, so lang und viel? B. Aber ey! – (voll Scham) Ihr Hochw – P. Ja nur heraus mit der Sprache, denn da kommt viel darauf an – also? B. Ja! Ihr Hochwürden. P. Hm! Hm! (ergreift ihreHand)Weib!Weib!beinahekommeichaufandereGedanken!B.Aber,IhrHochwürden, ich bitt enk um Gotteswillen – werds ja mich für kai Hex halten? P. Das nicht, Weible, – aber – wie! Macht 'nmal eur Mieder auf! – B. Ihr Hochwürden! Was denken's? ist ja ä Schand! P. Ich kann euchnichthelfen– IchkommsonstnichtaufdieSpur– Nun– B. InGottesnamen!AberHerr!P. So!– schonwiedernähereSpuren(indemerdievolleBruststreicht– drückt— undzuleztsaugt) B.Aber, IhrHochwürden,was istdenndas?Ojeges!WennsayMenschsehet– P.Haltdich,När- rin! (saugt immerfort)B.Nuwaszeigt sichdenn?P. (VollFeuer) Ja,Mütterchen! Ichspürezwar, daß eine Hexerey in eurem Leib ist – aber noch weis ich nit, kömmts von eurer Alten, oder gar von eurem Manne her – und um das zu nden, müßt ihr euch schon da niederlegen. B. Ja! Was woll'es dän thai mit mir? P. Das werdet ihr schon sehen – Gelt, ihr seyd schwanger? B. Ja! Ihr Hochwürden! P. Nun schaut! Das Kind ist verhext, und da wird euch ein schöner Bankert Freud machen,undeinmalaufdemScheiterhaufenbrinnen,(brennen)wennicheuchnichthelfe– und esgebeneuchdieKühekeineMilch,bisdageholfen ist– gebteuchalsonurwillig,undlegteuch nieder – B. Nun, wanns Ihr Hochwürden befehlen! (die Arme stand während voriger Rede da, undwußtenicht,wieihrgeschah– willig legtesiesichaufdenBoden,undderFranciskanerfährt fort) P. Nun hebt die Röcke weg! B. Aber, Ihr Hochwürden! Ich schäm mich ja! P. Ey was schä- men! – Fällt mit räuberischer Wollust über die arme Betrogene hin, und — Eine schauderhafte Scene für ehrliche Männer. Nachdem er sie geschändet hatte, sprang er hastig in die Höhe, und machtdieschändlichstenSachen.59 Ojeges]AusrufzumAusdruckderBestürzung(Verballhornungvon‚ OJesus`) woll'es]wollt ihr thai] tun Geschickt wird hier unter den Fahnen der Aufklärung Lust-Kontrebande betrieben, die zur Erheiterung der Lesenden die sexuelle Nötigung mit den narrativen Mitteln der Schwankliteratur bzw. in Nachfolge von Bocaccios Decamerone (mit dem es die antiklerikale Ausrichtung teilt) vermittelt. Mit einem scheinheiligen Kommentar zur ‚ schauderhaften Scene` des Geschlechtsakts versichert der Autor den ‚ ehrlichen Män- nern` ihre eigene überlegene Moral, während zuvor Lust und Befriedigung der Frau als widersinnigerHexenbeweisgenüsslichvorgeführtwerden. WennvonweiblicherSexualität imöffentlichenDiskursdieRedewar,dannamehes- tennochimZusammenhangmitdenDienstendesältestenGewerbes,wie imfolgenden Doppellied über den Graben und seine ‚ Nymphen`. Die Prachtstraße in der Wiener In- nenstadt zwischen Stephansplatz und Kohlmarkt galt im 18. Jahrhundert nicht nur als gesellschaftlicher Treffpunkt, an dem man, wie Pezzl in seiner Skizze von Wien (1788) schreibt, „ stets vornehme und schön geputzte Leute beiderlei Geschlechts in Wagen, zu Pferde und zu Fuß vorüber gehen“ 60 sehen konnte. Sie war auch ein Ort volkstümlicher Belustigungenund, insbesondereseitder josephinischenZeit,„ TummelplatzderProsti- tuierten“ 61. Wie man sich die Anlockung der Freier durch die Straßendirnen in diesen 59 NeuesterHexenprocessausdemaufgeklärtenheutigenJahrhundert.OderSodummliegtmeinBayrisches VaterlandnochunterdemJochderMöncheunddesAberglaubensvonA.v.M.[o.O.]1786,S.5. 60 [JohannPezzl:]SkizzevonWien.FünftesHeft.Wien/Leipzig:Krauss1788,S.717. 61 Vgl.FelixCzeike:DerGraben.Wien/Hamburg:Zsolnay1972,S.62f.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800