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512 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
der Residenzstadt aufs Korn nimmt. Als 11. Kapitel montiert er als Beispiel,
welche
grosse Fortschritte die Rechtschreibung, Sprachlehre, und der Briefstyl in unserer Stadt
gemacht habe , eine witzige Brief ktion, die ihr komisches Potential nicht nur aus der
DiskrepanzvonMündlichkeitundSchriftlichkeitbzw.Brief oskel,Alltagsformulierung
und Sprachfehlern schöpft, sondern mit per den Bildwechseln die Vorbereitungen für
denMaskenball sexuellkonnotiert:
füllgeliptester!
in Ahler Eule mach ich innen zu Wiesen, das mi dfrau Mama häut auf Dredut mit nimt. justa-
ment frisirt's der Schan, Hab im schon an Gulden gschenkt, nur damit er si mit der Mama recht
tumelt;undwanermitderMama rti is, sokumter ibermi.
Schan! habigsagt stoßerminurgschwindzsam,undtragerhernachdasBilliedlzumHerrn
von ... Damit sömiabergleikenne, sowill i inasagn,wie iwirmasakrirt sein.
ausdemHarnkünensminötkene,weilmiderSchansoerschreklichdurchbuttert,aberblumer-
anfarbeni Schuech hab i an, und an bremte Dam farben Rog, mit saitenen Franzeln, und a piss
farbi Kasaten mit Schwedlaren farbn maschen. Um den Hals hab i mein brülliantes Greiz sö
kennensja, söhaben'serstneuli inderHandghabt,aberwartens[n]ur kömmensmirnoamahl
aso, söBosheit, sö!
Hieztb et inaGod,undichverhaare
dero
immerundewig
getreueundgeborne
vonS.
NB.nehmens ineri staglenSchnallen,daßi inagleikenn,undlassens ina ihnsenfzerGangel
segn.Adies.Adies.
auf Dredut] auf die Redoute, den Ball Schan] Jean tumelt] beeilt ibermi] über mich Billiedl] Billet wie i wir]
wie ich werde masakrirt] fälschlich für maskarirt`, maskiert aus dem Harn] an den Haaren durchbuttert]
durchpudert ( budern/pudern` bair.-österr. auch für koitieren`) blumerant] (franz. bleu mourant: sterbens-
blau`) fahlblau, bläulich bremte Dam farben] (franz. brun de dame) braun für die Dame Kasaten] Bluse (?)
Schwedlaren] (?) Hiezt] jetzt b et ina] behüte sie ineri] ihre i ina] ich Sie staglen Schnallen] Stöckelschuhe
mitSchnallen(?) senfzerGangel]Seufzergang(?) segn] sehen
ObszöneundpornographischeLieder
Auch wenn über gelebte Sexualität großteils nur in übertragener, moralisierender oder
satirisch indirekter Weise öffentlich gesprochen werden konnte, heißt dies nicht, dass
keine literarischen Produkte entstanden wären, die die Dinge beim Namen nannten.
Doch weitgehend ausgeschlossen von der Drucklegung und den Zwängen innerer und
äußererZensurausgesetzt,hatsichkaumeinoriginalesDokumentausdem18.Jahrhun-
derterhalten.Dassdiewenigen,teilsauchspäterenQuellen,dieunseinenbescheidenen
BlickaufdiezeitgenössischeVerbalisierungvonLusterlauben,invielenFällendialektale
Merkmale aufweisen, kann nicht verwundern. Nicht nur signalisierte die Nähesprach-
lichkeit eine dem Thema angemessene Intimität, die sich abhob von der distanzschaf-
fenden, in diesem Kontext umso mehr
uneigentlich` wirkenden Schreibsprache. In der
ngierten Mündlichkeit konnte auch das leichter transportiert werden, was als nicht
aufschreibbar und nichtig galt. Doch aus dem mündlichen Privatgebrauch, der sich
in den dialektalen Formen widerspiegelt, fand nur bedauernswert wenig in die Schrift
und kaum etwas davon hat die Zeiten überdauert. Eine Zufallsüberlieferung ist ein nur
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen