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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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LIEDERLICHE LIEDER UND ANDERE ANSTÖSSIGE TEXTE 515 Wie die meisten alpenländischen ‚ Gstanzl` oder ‚ Schnaderhüpfel` sind auch die ‚ Spittel- bergerLieder`dialektaleGesänge,vorwiegendimDrei-Viertel-TaktmiteinemHangzur komischenZuspitzungundepigrammatischenPointe, indeneneineagonaleoderüber- trumpfende Singsituation anklingt.74 Das Ich (oder besser das ‚ I`) kann weiblich oder männlich sein oder auch wechseln (wobei in diesem Themenkreis die Geschlechtszu- ordnung aus naheliegenden Gründen wesentlich einfacher fällt als in anderen Lyrikfor- men). Angesprochen werden zahllose Aspekte der Sexualpraxis aus beiderlei Perspek- tive,alsSelbst-oderFremdbeschreibung,wobeibesondersdiezurSchaugestellteLibido der Frau gegen alle gesellschaftlichen Konventionen verstieß. Obszön wirken diese kur- zen Texteinheiten vor allem, weil ihr Bilderreichtum (anders als etwa in den Erotika derarkadischenDichtung)sichwenigerausderverhüllendenMetaphorikdersexuellen Handlung denn aus dem entblößend-konkreten Ausdruck für Geschlechtsorgane und Sexualakt ergibt. Dem Dialekt kommt dabei – abgesehen von einer soziolektalen Stig- matisierung – v.a. die Funktion des (scheinbar) unverstellten, archaisch-unkultivierten Ausdruckszu,derderunsublimiertenTriebhaftigkeitdesDargebotenenentspricht: 1 DieKlansanmaliaba AlswiadieGroßn, Sie san javielgschickta Zumeinilassn. 23 Tuama'neini, tuama'neini, Tuama'snetzreissn, Steckma'neini insvordreLoch, 'shintreghörtzumScheißn. 63 Jetzt tröpfelnmad'Dutteln, Jetzt rinntmamei(n)Fud, Jetzt laß iandrüba Undwarsgleia Jud. 66 DuSpitzbua,wannstpudernwillst, Pudermigschwind, BevormadaSaft AusdaFotzaussarinnt.75 1,1 Klan san ma] Kleinen sind mir 23,1 Tua ma'n eini] steck ihn mir rein 63,1 Dutteln] Brüste 63,2 Fud] Vagina63,4 warsglei]wäreesauch66,1 pudern]vögeln,koitieren DempornographischenMythosvonderFraualshypersexueller, stetswilligerunduner- sättlicherKoituspartnerin,dervorallemderEnttabuisierungundsexuellenStimulation dient, entspricht ein auf das Phallische reduziertes Männerbild, das in Prahlreden zur Größe und Leistungsfähigkeit des stolz präsentierten Geschlechtsorgans seinen auffäl- ligstenAusdruck ndet: 22 Undsagstalleweil, sagstalleweil, Es istdiralls z'groß Undjetzthastn jadrin AufananzignStoß. 25 UndaufdaOfnbanknimmid'Nudl ind'Hand UndaufnKanapestehtmad'Nudl ind'Höh UndaufdaBettlastiagnwirstneinigkriagn, Fud,Nudl, ja, anPappa. 74 Zu den Gattungsausformungen vgl. u.a. Klaus Beitl: Schnaderhüpfel. In: Rolf Wilhelm Brednich/Lutz Röhrich/Wolfgang Suppan (Hg.): Handbuch des Volksliedes. Bd. I: Die Gattungen des Volksliedes. Mün- chen: Finke 1973, S.617– 677. – Gerlinde Haid: Gstanzl. In: Rudolf Flotzinger (Hg.): Oesterreichisches Musiklexikon. Bd.2. G – Kl. Wien: Österr. Akademie der Wissenschaften 2003, S.641. – Beatrix Mül- ler-Kampel: Komik in Vers und Reim. Am Beispiel von Gstanzln aus dem Salzkammergut. In: Christian Neuhuber/ElisabethZehetner(Hg.):Bairisch-österreichischerDialekt inLiteraturundMusik1650– 1900. Graz:Leykam/Universitätsverl. 2015,S.161– 174. 75 Giglleithner/Litschauer,DerSpittelbergundseineLieder,S.65,76.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800