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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
Seite - 517 -
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Seite - 517 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte

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LIEDERLICHE LIEDER UND ANDERE ANSTÖSSIGE TEXTE 517 3,3 klengst] reichst auf ] hinauf 12,1 Runkunkel] altes, keifendes Weib 12,3 Pumpel] Vagina 12,4 kampelst] kämmst21,3 patzwache] sehrweiche43,2 brunz]pisse,uriniere43,3 Beberln]Beeren, (hier:)Kotstücke Melodien sind zu diesen frivolen bis vulgären Gstanzln nicht überliefert, doch lassen sich den charakteristischen metrischen Schemata traditionelle Melodietypen zuordnen, dieeinemusikalischeWiederaufführungermöglichen.79 Währenddie68 ‚ SpittelbergerLieder`heutedurchdiverseWiederabdruckeundEin- spielungen zumindest in Auszügen wieder eine gewisse Bekanntheit erlangt haben, ist eine größere Sammlung mit einer breiteren Palette anzüglicher, erotischer und por- nographischer Texte bislang in der Forschung so gut wie unbeachtet geblieben.80 Nur Rudolf Wolkan hatte sie für seine Wiener Volkslieder (1923– 1926) in Händen, fand allerdings „ auf fast 400 Seiten nur ein einziges Lied, das man ohne Bedenken veröf- fentlichenkann“ 81.AuchdiesezweiteiligeHandschrift,diegegenEndeder1810erJahre angelegtwurde,enthältzumGroßteilBeiträge,diebereits im18. Jahrhundertnachweis- lich oder vermutlich im Umlauf waren. Dass Wolkan das Manuskript auf 1785 datiert und aus Ottakring stammen lässt, ist einer Camou age geschuldet, die wohl auch die WiederentdeckungdesbrisantenInhaltsbislangverhinderthatte.DenndemerstenTeil der Sammlung ist mit Der Gräuel der Verwüstung (1785) ein Klassiker der josephini- schen Predigtsatiren vorangestellt (vgl. Kap.8), der auf den ersten Blick unverfänglich klerikal wirkt, erst bei genauerer Lektüre sich als böse Parodie auf die konservative katholische Homiletik entpuppt. Im Schutze dieser 61 handschriftlichen Seiten folgen zahlreiche standardsprachliche, teils schlüpfrige Beiträge in arkadischer Tradition. Bri- santer ist der zweite Teil, der nun viel Dialektales bringt. Auch hier wird mit der Ab- schriftderRosenkranz-Predigt (1780)– einweiteresStückder indiziertenantiklerikalen Spaßliteratur, diesmal aus Bayern (vgl. Kap.8) – die Überfülle der folgenden Frivoli- täten leidlich getarnt. Unterhaltsame, auch aus zeitgenössischen Anthologien bekannte Arbeiten im Standard (u. a von Joseph Franz Ratschky und Carl Arnold Kortum) ste- hennebenmundartlichen,darunterbereitsangesprocheneWerkewieBlumauersPetrus undMalchusundDieBeichte,SturmsDiehimmlischenFreuden,diePinzgauerWallfahrt oder der eklige Hochzeitsschmaus; beliebte ‚ Harfenistenlieder` wie Der hat nix g'sehen, der nit in Wien war (das einzige Lied, das Wolkan übernahm) oder Brüder seyds lustig hopsasa wechseln mit pikanten Parodien auf Schikaneders Vogelsängerarie oder Bür- gers Pfarrerstochter von Taubenhain; ein witziges Hirtenlied (Ey mein Nachbars leuten) ndet sich ebenso wie ein rotzfreches Paradieslied (I will eng was singen), diverse Fä- kalgesänge wie Bin z'nachst in der Stadt drina gwest, Vexier- und Spottlieder, ein Ecce quam bonum mit dialektalen Zwischenstrophen, Scherzrechnungen, laszive Anekdoten oder auch eine detaillierte und nicht nur soziologisch aufschlussreiche Angebotsliste der (wohl kaum historischen) Prostituierten ‚ Theresia Lustfeld`. Vor allem aber bein- 79 So etwa präsentiert der Wiener Schauspieler und Musiker Stephan Paryla-Raky seit 2000 in seinem Pro- gramm Hur & Moll – Lieder nach der Sperrstund' Auszüge aus der Sammlung in verschiedener musikali- scherBesetzung. 80 Vgl.dieunbetitelteSammelhandschriftH.I.N.55795derWienbibliothekimRathaus.Einekommentierte EditionausgewählterTextewirdzurzeitvonBeatrixMüller-KampelundChristianNeuhubervorbereitet. 81 Wolkan,WienerVolkslieder I,S.XXII.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800