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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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FENSTERLN, GASSLGEHEN, WERBEN IN LIED UND SCHAUSPIEL 521 Wie immer man den Blocksatz des Drucks auch in Verszeilen auflöst – ein einfaches Strophenlied scheint hier nicht vorzuliegen, weichen doch Strophen- und Versbau der ungeraden und geraden Liedteile so weit voneinander ab, dass hier auch bis zu einem gewissen Grad ein Melodiewechsel vorgelegen haben muss (der auffälligerweise nicht mit einem Sprecherwechsel verbunden ist). Die barocke hochliterarische Metapher des LiebesbogensderzweitenStrophewillzudemnichtrechtindenbäuerlichenKontextder dritten passen; vielleicht fanden auch hier Abschnitte zweier unterschiedlicher Gesänge zusammen. Eine Kompilation von ursprünglich separaten Teilen war wohl auch das populäre Liebeslied Das Wuzerl, dessen abschließendes Gstanzl – Nestroy arbeitete es auch in Das Mädl aus der Vorstadt ein – an das bekannte erste Gattungsbeispiel in deutscher Sprache (Dûbistmîn, ichbindîn)erinnert: MeiHerzerl,meiHerzerl ist treu ASchlösserl, aSchlösserldabei. Aneinziger, einzigerBue, HatsSchlüsserl,hatsSchlüsserldazue.92 Vielhäu gerfreilichalsdasungebrocheneLiebesbekenntnisimSinneeiner– zumindest ansatzweisen – Erlebnisdichtung wird Liebe in der bairisch-österreichischen Dialekt- kunst vor 1800 in typisierten Rollenliedern und zumeist in scherzhafter Form verhan- delt. Die Typisierungen von Protagonisten und die Schematisierung der Situationen im Liebesgeschehenbegünstigtenoffenbarauchhierein‚ Bausteinsystem`,wiewiresbereits bei den Weihnachtsliedern kennengelernt haben. Material unterschiedlicher Herkunft wurde (zumeist auf Basis metrischer und damit musikalischer Kompatibilität) kombi- niert, sei es – oft wohl auch ungewollt – im mündlichen Überlieferungsprozess, sei es fürdieDrucklegung,umeinneuesProduktvermarktenzukönnen. Ein instruktives Beispiel ist eines der heute (zumindest dem Titel nach) bekanntes- ten Dialektlieder des 18. Jahrhunderts, A Schüsserl und a Reindl, das die Forschung vor allerlei Probleme stellt. Denn obwohl sich gegen Ende des Jahrhunderts zahlreiche Be- lege für die Popularität und Volksläu gkeit des Lieds nden, verfügen wir weder über eine annähernd verbindliche Textfassung aus dieser Zeit, noch lassen sich der ‚ eigent- liche` Ursprung und das Alter einigermaßen exakt feststellen. Spätestens im Zuge der Tiroler-Mode nach Schikaneders und Haibels Erfolgsoper Der Tyroler Wastel wurde es im süddeutschen Raum als Tirolerlied bekannt. Eine der frühesten Aufzeichnungen dafür ist der Reise durch Oestreich und Italien (1802) des Schriftstellers und Diploma- ten Johann Isaak von Gerning entnommen und dort auf das Jahr 1797 datiert.93 Da hab ich dir etc. Das Fünfte: Wie ist es möglich dann, daß ich dich etc. Das Sechste: Schozerl du bist mei undibinauganzetc.DasSiebende:WiequäletmichalsodieLieb,diemichetc.DasAchte:Willstdudein Herzmirschenken,soetc.DasNeunte:Als icheinmalspazierengiengdawaretc.Gedruckt indiesemJahr [o.O.,o.J.,um1770], f. 3v. 92 Zitiert nach Wolkan, Wiener Volkslieder I, S. XXIV. Vgl. auch die weiteren Beispiele zur Singtradition in Deutsch/Haid/Zeman,DasVolkslied inÖsterreich,S.39f. 93 Ein bei Feurzeig/Sienicki als früheste Quelle erwähnter Brief von 1779 beruht auf einem Druckfehler bei Lechthaler/Moissl/Schnabel, die den Reisebrief Gernings fälschlich auf den „ 31. Oktober 1779“ da-
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800