Seite - 522 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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522 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
Gerning dabei auch die Melodie des Lieds anspricht, wird er sich das Lied wohl auf Ba-
sis eines mündlichen Vortrags notiert haben; auch die ungewöhnliche Schreibung des
(Pseudo-)Tirolerischen, die den damaligen Konventionen der Dialektverschriftlichung
kaum entspricht, und die zahlreichen Ungenauigkeiten aufgrund von Verständnispro-
blemendeutendaraufhin:94
1
ÄSchisserlunäRainerl,
ÄSächterunäMillitopf,
IsollmeiKuchelg'schirr;
Unwoniholdondigedenk
SomainI, somainI,
SomainI,wärbeydir. 2
Hoschstg'saddewullstminemma
SebalddeSummakummt
DeSummadeiskumma
Dehoschstmidonitk'numma.
Gehnimmi,gehnimmi,
Gelt jadenimmschtmido.
3
Wiesoll ididannnemma
Unwonidinitmog
DebisthtzewildvonAngesicht
VerzeihmerschGott Imodinit.
Gehschardi,gehschardi
Unkommmehrnimmermehr. 4
DohanmernosechsKreitzer
Dig'herameiundei
DokafemerSchlambascherWein
AKuckelhopfunKropfadrein.
OHanserl oLenerl!
Versoffamußessei!95
1,1 Rainerl] Kasserolle 1,2 Sächter] kleinerer Bottich mit einem Griff 1,2 Millitopf] Milchtopf 2,1 Hoschst
g'sad] hast gesagt 3,3 wild] hier: hässlich 3,4 mersch] mirs 4,1 han mer] haben wir 4,3 Schlambascher] Ver-
ballhornungfürChampagner(?)4,4 Kuckelhopf]Gugelhupf Kropfa]Krapfen
Ein weiterer früher Beleg des Lieds in dialektaler Form ndet sich in einer Flugschrift,
die vermutlich um 1790 zum ersten Mal gedruckt wurde. Die einzelnen Strophen ent-
sprechen grob Gernings Fassung, sind jedoch anders gereiht: Am Beginn stehen die
beiden Strophen, in denen es um das Versprechen geht (vgl. die Strophen 2 und 3 der
obenabgedrucktenFassung); diebekannteAnfangsstrophefolgt indieserFormnach:
ASchüßelaReinl, istunserKuchelgschirr,
ASchüßelaReinl, istunserKuchelgschirr
undwannihaltandigedenk
undwannihaltandigedenk,
somein i, somein i, somein iwärstbeymir,
somein i, somein i, somein iwärstbeymir.96
tieren. Vgl. Lisa Feurzeig/John Sienicki: Quodlibets of the Viennese Theater. Middleton: A-R Editions
2008. (Recent Researches in the Music of the Nineteenth and Early Twentieth Centuries 47) S.297 Josef
Lechthaler/Gustav Moissl/Sigismund Schnabel: Lieder fürs Leben. Ein Sing- und Musizierbuch für die
Jugend.9.Au .Wien:Hölder [u.a.]1949,S.214.
94 Damit ist freilich nicht gesagt, dass es sich dabei um eine besonders authentische Fassung handelt ob
Gerning indieTextgestalt eingegriffenhat, lässt sichwederbelegennochausschließen.
95 J[ohann] I[saak] Gerning: Reise durch Oestreich und Italien. Erster Theil. Mit einem Titel-Kupfer. Frank-
furta.M.:Wilmans1802,S.89f.
96 Vier schöne neue Weltliche Lieder. Das Erste: Von Wurmser ein Husar, el. Das Zweyte: Soldat ist gut zu
seyn, sie etc. Das Dritte: Hab glaubt du willst mi nemma, Das Vierte: Loß auf mein liebe Mutter i muß.
Gedruckt in diesem Jahr. [o.O., o.J., Wien, bei Anton Leitner, um 1790]. Ein Nachdruck von Ignaz Eder
istumetwa1800zudatieren.
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen