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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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OpenAccess © 2019byBÖHLAUVERLAGGMBH&CO.KG,WIENKÖLNWEIMAR 538 KÖRPER UND SINNLICHKEIT Die Sexualnormen, deren mögliche und auch tatsächlich gehandhabte Umgehung das Lied explizit thematisiert, werden im (etwas forciert moralischen) Ende bestätigt. Wäh- rend der junge Mann voreheliche sexuelle Erfahrungen an den entsprechenden Lokali- täten ohne Sanktionierung sammeln kann,129 muss ein Mädchen sein ‚ Laterndl` unbe- schädigt indieEhebringen,womandanndieLustohneSchandegemeinsamauskosten kann. Ehedramen NichtimmerfreilichverläuftdasgemeinsameLebenharmonisch.SpottliederaufFrauen oderMänner inderEheoderaufdenEhestandimAllgemeinenscheinensoziokulturell über die Zeit hinweg eine konstante Traditionslinie aufzuweisen. Sarkasmus und Satire, Hohn und Häme, Stichelei und Spitz ndigkeit – all dies lässt sich auch heute noch im- mer trefflich auf einzelne Geschlechter oder deren Beziehungen anwenden, um Lacher zu ernten. Ob Stammtischwitz, Kabaretteinlage oder Rollensatire im Film, humoristi- sche Frotzeleien dieser Art – teils harmlos und neckisch, teils scharf und derb – taugen zur Erheiterung und Belustigung wie vor über 200 Jahren (wenn sie auch nicht stets allseitsgoutiert seinmögen). Ein typisches Beispiel aus dem 18. Jahrhundert ist etwa das handschriftlich überlie- ferteSpottliedIstdandiehenMehralsderhan,daszunächstdenManninsVisiernimmt, diesen letztlich aber – der althergebrachten Ordnung gemäß – triumphieren lässt. Mit dem Incipit stellt es sogleich das punctum saliens im Dissens der Geschlechter vor, wo- bei freilich eine Negation der – rhetorischen – Frage impliziert ist. Zentrales Thema des Lieds ist also der Kon ikt um die rechte Ordnung im Ehestand, der in humorvoller Weise behandelt wird. Der Text gibt sich als Warnung an einen unverheirateten oder jungverheirateten Mann und wird wohl auch als scherzhafte Hochzeitsfest-Einlage auf- geführt worden sein. Denn in lebhaften Bildern werden Szenarien gezeichnet, in denen der Mann die häusliche Befehlsgewalt an eine reiche, schöne, herrische oder böse Frau verliert und bildlich in den Hühnerkä g schlüpfen muss. Die empfohlene Lösung für dasProblemverkehrterMachtverhältnisse istbrachialerNatur: 1 Istdandiehenmehralsderhan, istdandasweibmehralsderman, wohatmandasdingerhört, wiesichhatdieweltverkehrt, dasdiehendenhansoweit thuedt treiben, 129 Vgl.FranzS.Hügel:ZurGeschichte,StatistikundRegelungderProstitution.Wien:Zamarsky/Dittmarsch 1865, S.71: „ Die verrufensten Gegenden Wiens, wo die Freudenmädchen ihre Venustempel ehemals aufgeschlagen hatten, waren die Schottenbastei, Naglergasse, Krugerstraße, der Elephant, die Mohren- apotheke, das Belvedere (wenn Musik war), die Theater, der Prater, die Hetze, der Augarten, der Graben, KohlmarktundHof.“
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 Eine andere Literaturgeschichte
Titel
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Untertitel
Eine andere Literaturgeschichte
Autoren
Christian Neuhuber
Stefanie Edler
Elisabeth Zehetner
Verlag
Böhlau Verlag
Ort
Wien
Datum
2019
Sprache
deutsch
Lizenz
CC BY 4.0
ISBN
978-3-205-20630-9
Abmessungen
17.0 x 24.0 cm
Seiten
652
Schlagwörter
Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
Kategorien
Geschichte Historische Aufzeichnungen
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Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800