Seite - 538 - in Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte
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538 KÖRPER UND SINNLICHKEIT
Die Sexualnormen, deren mögliche und auch tatsächlich gehandhabte Umgehung das
Lied explizit thematisiert, werden im (etwas forciert moralischen) Ende bestätigt. Wäh-
rend der junge Mann voreheliche sexuelle Erfahrungen an den entsprechenden Lokali-
täten ohne Sanktionierung sammeln kann,129 muss ein Mädchen sein Laterndl` unbe-
schädigt indieEhebringen,womandanndieLustohneSchandegemeinsamauskosten
kann.
Ehedramen
NichtimmerfreilichverläuftdasgemeinsameLebenharmonisch.SpottliederaufFrauen
oderMänner inderEheoderaufdenEhestandimAllgemeinenscheinensoziokulturell
über die Zeit hinweg eine konstante Traditionslinie aufzuweisen. Sarkasmus und Satire,
Hohn und Häme, Stichelei und Spitz ndigkeit all dies lässt sich auch heute noch im-
mer trefflich auf einzelne Geschlechter oder deren Beziehungen anwenden, um Lacher
zu ernten. Ob Stammtischwitz, Kabaretteinlage oder Rollensatire im Film, humoristi-
sche Frotzeleien dieser Art teils harmlos und neckisch, teils scharf und derb taugen
zur Erheiterung und Belustigung wie vor über 200 Jahren (wenn sie auch nicht stets
allseitsgoutiert seinmögen).
Ein typisches Beispiel aus dem 18. Jahrhundert ist etwa das handschriftlich überlie-
ferteSpottliedIstdandiehenMehralsderhan,daszunächstdenManninsVisiernimmt,
diesen letztlich aber der althergebrachten Ordnung gemäß triumphieren lässt. Mit
dem Incipit stellt es sogleich das punctum saliens im Dissens der Geschlechter vor, wo-
bei freilich eine Negation der rhetorischen Frage impliziert ist. Zentrales Thema
des Lieds ist also der Kon ikt um die rechte Ordnung im Ehestand, der in humorvoller
Weise behandelt wird. Der Text gibt sich als Warnung an einen unverheirateten oder
jungverheirateten Mann und wird wohl auch als scherzhafte Hochzeitsfest-Einlage auf-
geführt worden sein. Denn in lebhaften Bildern werden Szenarien gezeichnet, in denen
der Mann die häusliche Befehlsgewalt an eine reiche, schöne, herrische oder böse Frau
verliert und bildlich in den Hühnerkä g schlüpfen muss. Die empfohlene Lösung für
dasProblemverkehrterMachtverhältnisse istbrachialerNatur:
1
Istdandiehenmehralsderhan,
istdandasweibmehralsderman,
wohatmandasdingerhört,
wiesichhatdieweltverkehrt,
dasdiehendenhansoweit thuedt treiben,
129 Vgl.FranzS.Hügel:ZurGeschichte,StatistikundRegelungderProstitution.Wien:Zamarsky/Dittmarsch
1865, S.71: Die verrufensten Gegenden Wiens, wo die Freudenmädchen ihre Venustempel ehemals
aufgeschlagen hatten, waren die Schottenbastei, Naglergasse, Krugerstraße, der Elephant, die Mohren-
apotheke, das Belvedere (wenn Musik war), die Theater, der Prater, die Hetze, der Augarten, der Graben,
KohlmarktundHof.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen