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8 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
Ihre suggerierte Mündlichkeit und Lebensnähe prädestinieren Dialektliterarisierungen
nicht zuletzt auch für alle Facetten des Manipulativen, Agitatorischen, Polemischen
und Provokativen. Mundart begegnet uns in öffentlichen und privaten Auseinander-
setzungen als gezielt eingesetztes ästhetisches Mittel, um den konkreten Kontext ab-
zustecken, eine bestimmte Zielgruppe anzusprechen, Gegner zu charakterisieren oder
Authentizität und Emotionalität zu vermitteln, wie schon an vielen Beispielen in den
vorangegangenen Kapiteln gezeigt wurde. Nicht selten aber ist die Mundart selbst ei-
gentliches Ziel des Angriffs. In diesem Fall dient der zumeist überzeichnete oder de-
platzierte regiolektale Ausdruck als Signum einer de zitären Sprachgebarung, die sich
aus diversen Gründen normativen Ansprüchen in verschiedenen gesellschaftlichen Be-
reichen verweigert, sei es in der Literatur, dem Theater, der Kanzelrhetorik oder der
ritualisierten Alltagskommunikation. In vielen Fällen und beileibe nicht nur in of-
fensichtlich konfessionell motivierten Streitigkeiten spielte bei dieser Art der Funk-
tionalisierung eine Differenzierung eine bedeutende Rolle, die eben nicht im alltags-
sprachlichenGebrauchgründete,sonderndenjeweiligenideologischenLeitparadigmen
geschuldet war: Der bairisch-österreichische Dialekt (und mit ihm der als Jesuiten-
deutsch` verunglimpfte oberdeutsche Standard) galt als genuin katholisch, während mit
demabMittedes18. JahrhundertsauchinsüddeutschenRegionenetabliertenStandard
ostmitteldeutscher Prägung (dem Lutherdeutschen`) protestantische Lebenswelten und
Kultursysteme assoziiert wurden.1 Mit der zunehmenden ökonomischen und sozialen
ÜberlegenheitderprotestantischenTerritorienundderdamitverbundenenOberhoheit
im Gelehrtendiskurs (die ja mutatis mutandis noch heute ihre Auswirkungen zeigt)2
verband sich damit bald eine Diskreditierung des Bairisch-Österreichischen als Rück-
ständigkeitsmerkmal eine Verunglimpfung, die nicht nur von Protestanten, sondern
auch von etlichen katholischen Aufklärern vorangetrieben und literarisch verarbeitet
wurde,wieu.a. amBeispielAntonvonBuchers (vgl.Kap.1)bereitsgezeigtwurde.
Vor dem sukzessiven Machtverlust der katholischen Reichsstände ab dem Österrei-
chischen Erbfolgekrieg hatte die autochthone katholische Kultur in Bayern, Salzburg
und Österreich allerdings noch durchwegs selbstbewusst ihre spezi schen Sprachvarie-
täten auch in den konfessionellen Auseinandersetzungen eingesetzt. Davon zeugt die
1 Vgl.u.a.PeterWiesinger:Zurbairisch-oberdeutschenSchriftsprachedes16.undfrühen17. Jahrhunderts
in Österreich unter dem Ein uss von Reformation und Gegenreformation. In: Walter Hoffmann [u.a.]
(Hg.): Das Frühneuhochdeutsche als sprachgeschichtliche Epoche. Werner Besch zum 70. Geburtstag.
Frankfurt a.M. [u.a.]: Lang 1999, S.241 273. Peter Wiesinger: Die Entwicklung der deutschen Schrift-
sprache vom 16. bis 18. Jahrhundert unter dem Ein uß der Konfessionen. In: P. W.: Das österreichische
DeutschinGegenwartundGeschichte.3.,aktual.undneuerlicherweit.Au .Wien/Berlin:LIT2014.(Aus-
tria:ForschungenundWissenschaft.Literatur-undSprachwissenschaft2)S.301 312.
2 Vgl.DieterBreuer:DieprotestantischeNormierungdesdeutschenLiteraturkanonsinderfrühenNeuzeit.
In: Heinz-Gerhard Haupt/Dieter Langewiesche (Hg.): Nation und Religion in der deutschen Geschichte.
Frankfurta.M./NewYork:Campus2001,S.84 104. Haefs,ZurLiteraturundTheologie,S.32 36.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen