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572 FEHDEN UND FEINDSCHAFTEN
füreineQuellevonHeiligkeitundWahrheit 58 gelte.Umsoschockierenderseidieman-
gelhafteQualitätderPredigten:
Mit einem Worte: das Predigerwesen scheint so vielen ein bloßes Gedächtniswerk, eine förmli-
cheTagwerkerei,einealthergebrachteGewohnheit,mitdermaneshaltenkann,wiemanwill,ein
Leisten, darüber jeder nach eigenem Gutbe nden seinen Schuh ziehen darf; und wie ich vorhin
sagte: ein Handwerk geworden zu sein, in welches jeder nach Belieben, wachend oder schlafend,
nüchternoderbesoffen,mitundohneKopfpfuscht,undpfuschendarf,wieundsovielerwill, 59
Ideologischer Ausgangspunkt der Auseinandersetzung ist die Annahme der Aufklä-
rer, dass die Seelsorger und Prediger maßgeblichen Ein uss auf das Volk hätten und
demnach Verfügungen des Monarchen sowohl erleichtern als auch erschweren bzw. in
diesemSinneauchfürdieAufklärungdesVolkeswirksamseinkönnten.60 Zudemsollte
einer teils von der Kanzel ausgehenden Agitation gegen die josephinischen Reformen
publizistisch entgegengewirkt werden. In diesem Kontext sind die am Reformkatholi-
zismus orientierten Wöchentlichen Wahrheiten zu sehen, die das unkontrollierte, un-
zensierte Wirken der Kanzelredner kritisch unter die Lupe nehmen. Die
Gesellschaft
Gelehrter` (Mitwirkende sind neben Hoffmann auch Joseph Maria Weissegger und Jo-
hann Rautenstrauch) will somit als öffentliche Kontrollinstanz fungieren, um reform-
feindlichen Predigten entgegenzuwirken und Prediger zu inhaltlichen und formellen
Verbesserungenzumotivieren.61
Trautsons Nachfolger, Kardinal Christoph Anton von Migazzi, der um das Ansehen
der Geistlichkeit bangte und ein Erstarken der kritischen Stimmen unter den Gläubi-
gen befürchtete, beantragte nach dem erstmaligen Erscheinen ein sofortiges Verbot der
Zeitschrift, das jedoch nicht zustande kam. Dafür aber wurde mit dem jansenistischen
Theologen Marc Anton Wittola ein Vertrauensmann der Regierung in die
Gesellschaft
Gelehrter` eingebunden, der sicherstellen sollte, dass das Wort Gottes in der Wochen-
schrift nicht infrage gestellt werde, und der für eine theologische Fundierung der Kritik
Sorgetrug.NutznießerderalsEntgegenkommensignalisiertenInterventionwarfreilich
die staatliche Führung, schließlich erhielt man auf diese Weise Informationen darüber,
was gepredigt wurde, und konnte fallweise dem Kardinal die Verwarnung beschuldig-
ter Prediger nahelegen.62 Auch auf Ebene der breiten Öffentlichkeit wurden die stark
rezipierten Wöchentlichen Wahrheiten kontrovers aufgenommen, wie die zahlreichen
Reaktionen nicht nur von politischer und klerikaler, sondern auch publizistischer Seite
belegen.63 KritikundGegenkritikbefeuertensichgegenseitig,sodassderWochenschrift
einregerAbsatzübereinebeachtlicheZeitspannebeschertwar.113Predigtbesprechun-
gen waren es letztendlich, die später in neun Bänden ediert wurden. Somit markieren
58 Hoffmann,WöchentlicheWahrheitenI,S.4f.
59 Ebda.,S.8f.
60 Vgl.Wangermann,DieWaffenderPublizität,S.85f.
61 Vgl. ebda.
62 Vgl. ebda.,S.86f.
63 KauffmannsiehtdieWöchentlichenWahrheitenalsAuslöserfüreinedritteWellederBroschüren ut,nach-
dem die Schrift Über die Begräbnisse in Wien eine erste und das Pamphlet Was ist der Papst? eine zweite
Welleausgelösthatten(vgl.Kauffmann,Es istnureinWien,S.172).
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen