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AUS DEM KONTEXT DER PREDIGTKRITIK IM JOSEPHINISMUS 573
die Wöchentlichen Wahrheiten auch eine entscheidende Entwicklung in den literarisch
ausgetragenen Kontroversen dieser Zeit: [H]ier wird punktuelle Kritik in Periodizität
übergeleitet,wirdeinfortdauernderWillebekundet,denkirchlichenDiskurs imaufklä-
rerischenMediumkritischzubegrenzen. 64
Die Dynamik des Kon ikts zeigt sich in diversen schriftlich und öffentlich ausge-
tragenen Konfrontationen.Ein instruktivesBeipiel liefertderPrediger JosephPochlin
(1735 1801), der als Lehrer der geistlichen Beredsamkeit am Wiener erzbischöflichen
Seminartätigwar.65 AlsGegnerderaufklärerisch-progressivenSeitewurdeeraufgrund
seiner konservativen bzw. reformfeindlichen Haltung rasch zur Zielscheibe der Pre-
digtkritiker, zumal er diese noch vor dem Erscheinen der ersten, vorab angekündigten
Ausgabe aufgefordert hatte, ihn bei einer seiner Predigten anzuhören und diese zu re-
zensieren.66 Die am 23. Mai 1782 erschienene Rezension einer Predigt, die Pochlin elf
Tage zuvor in Vösendorf gehalten haben soll,67 el wie zu erwarten negativ aus und
machte sich über die dürftigen Fähigkeiten und das übersteigerte Selbstwertgefühl des
Gottesmannes lustig. Der derart Verhöhnte wiederum setzte sich mit der dialektalen
Spottschrift Guetdunkn des Fleischhakermaster z'Vösendorf zur Wehr.68 Als Verfasser
derbeleidigt-polemischenSchimpftiradegibt sichPochlin freilichnichtoffenzuerken-
nen,auchwennseineAutorschaftbekanntgewesenseinmuss.Erverschanztsichhinter
der Figur des Fleischermeisters Bartlme Uhatzi als einem repräsentativen Vertreter sei-
nervomRezensentenverspotteten
dummen 69 VösendorferAnhängerschaft,derseine
Gedanken über die rechte Art zu predigen im (auch schriftlich umgesetzten) starken
ostmittelbairischen Dialekt vorbringt. Pochlin selbst predigte zwar, wie aus der Rezen-
sion hervorgeht, mit ein bischen österreichische[m] Accent 70, hatte seine Predigten
aber sicherlich konzeptionell schriftsprachlich gestaltet. Generell scheint die Annahme,
inden1780er Jahrenseiesnoch
durchausselbstverständlich[gewesen],daßdieGeist-
lichkeit und das selbst in der Domkirche St. Stephan im Dialekt predigte 71, nicht zu
halten. Wäre dem so, fänden sich weitaus mehr Belege in den Wöchentlichen Wahrhei-
ten. Auch damals waren durchgehend mundartlich gehaltene Predigten wohl eher die
64 FranzM.Eybl:HanswurststreitundBroschüren ut.DieStrukturderKontroverseninderösterreichischen
Literaturdes18.Jahrhunderts.In:WendelinSchmidt-Dengler/JohannSonnleitner/KlausZeyringer(Hg.):
Kon ikte Skandale DichterfehdeninderösterreichischenLiteratur.Berlin:Schmidt1995,S.24 35,hier
S.33.
65 Vgl.Wangermann,DieWaffenderPublizität,S.88f.
66 Vgl. Franz Stephan Rautenstrauch: Ueber das Betragen der Bischöfe in den k. k. Staaten, in Rücksicht
der landesherrlichen Verfügungen in geistlichen Sachen. Wien: In Kommission bey Sebastian Hartel in
der Singerstraße 1783, S.17. [Anonym]: Briefe über den gegenwärtigen Zustand der Litteratur und des
Buchhandels inOesterreich. [Zürich]1788,S.40.
67 Vgl.Hoffmann,WöchentlicheWahrheitenI,S.97 120.
68 Anregung, seine Gegenschrift mundartlich zu gestalten, dürfte die Rezension selbst geliefert haben, da
Pochlinvorgeworfenwurde,seinebeimPredigenverwendeteSpracheseinichtangemessenfürdasVösen-
dorferBauernpublikum(vgl. ebda.,S.111).
69 Ebda.
70 Ebda.
71 Peter Wiesinger: Die Stadt in der neueren deutschen Sprachgeschichte V: Wien. In: Werner Besch [u.a.]:
Sprachgeschichte. Ein Handbuch zur Geschichte der deutschen Sprache und ihrer Erforschung. 3.Bd.2.
vollständ.neubearb.u.erw.Au .Berlin,NewYork:deGruyter2003. (HSK2.3)S.2354 2377,hier2367.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen