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AUS DEM KONTEXT DER PREDIGTKRITIK IM JOSEPHINISMUS 575
Wirklichkeitsentstellung (
daweil bringens lautr Lugn übr d'Prediger auf 76). Entgegen
der Behauptungen der Kritiker habe die Predigt Pochlins sehr wohl ihren Zweck erfüllt
undseiexaktaufdasZielpublikumzugeschnittengewesen:
Wer hats g'sagt, daß der Pader Puchlin uns nit gnue than hat, wer? Das sollns uns ins G'sicht
sagn, da wurdetens ain kujose Antwort drauf kriegn, d'Herner wissn ja nit ainmal, was er pre-
dit hat, er hat ja kain Suntapredi, sondern ain Lobpredi g'halten, er hat uns ja nur zaigt, wiema
den heil. Joannes nachfolgn solln, daß ma guti Kristn sayn, er hat ja in zwoa Theiln g'sagt, daß
der Joannes si eisi dö kristliche Lehr aign g'macht hat, und daß er mit der kristlichen Lehr die
Gottlosn z'schandn g'macht hat; er hat uns ja für katholische Kristen angsehn, die so wissn, was
glaubn müssn, dena er nur ain Muith mitn Heilign sein Beispiel hat machn wolln. Wann er für
g'wis g'wust hät, daß d'Herner auf sein Einladung, übr die i recht g'lacht hab, wie is g'hört hab,
kuma, die a so voller Zwei sayn, und die auf d'Heilign nit vill haltn, so hätt er freyli anders pre-
dignmüssn,aberdashamaandenTagz'Vösendorfnitbraucht,wirkennaschonunsernGlaubn,
und lassn uns von alln den Hernern, die z'Wien drinn von der Duleranz, Pabsten, Ablas, und
Geistlichnsowunderbarli schreibn,heraustkainneuenGlaubnvorschreibn.
Ja ja es zaigt si freili so klar, daß's gar d'Bauern z'Vösendorf mit'n Fäusten hättn greifen könna,
daß unsre Regligion in manche Schedel schon von Kindsbanern an nit einiganga ist, weil ma so
verwirte z'ritte Sacha allerweil a so gar von ainigen Geistlichn hört; schau ma nur die Lukna an,
die sö so boshaft in ihna G'wissn grissn habn, und wie sö non alliweil umerfetzen, bis gar kain
StüklG'wissnmehrhabn.
Sö sagn, unsr Predigr waiß niks als von G'heimnußglaubn, und i hab do in der ganzn Predi ain
ainzigsmal das Wort G'heimnuß g'hört, wie er g'sagt hat, daß ma nit drüber grübbln, sundern
demüti anbethn solln, 'S Predign von Glaubn mögn d'Herner fraili nit hörn, aber unser ainer
wohl; i glaubs gern, daß sös nit wissn, was glaubn haist, sö glaubn vielleicht gar, daß a Luedera-
ner, oder Kal ner, oder Zwiklianer, oder a Türk, und a Jud den selimachendn Glaubn habn; bey
ihnastekt freiliderganzeGlaubninKopf,weilsallerweilwasz'stichln,undz'neknhabn,aberder
Unglaubn togerzt in Herzn, wovon die schlima Gedankn in Kopf au steign; es ist ihna hart zu
verdaun,wanderPredigerainrechtenBroknihnavonderKanzlabiwirft,der'srechtaufd'Nasen
trift;undiglaubsgern,daßihnreKöpfvonihrnGlaubnschwindliwern,unddaßselbstnitwissn,
wasglaubn;besonderswansaufd'NachtausnBirhäußlhaimkuma,undGlaubnsartiklnschreibn
wolln.77
wurdetens] würden sie kujose] kuriose, seltsame d'Herner] die Herren Suntapredi] Sonntagpredigt wiema]
wie wir ma] wir hama] haben wir Kindsbanern] Kindesbeinen einiganga] hineingegangen z'ritte] zerrüt-
tete, wirre Lukna] Lücke umerfetzen] herumreißen Kal ner] Calviner, Calvinisten Zwiklianer] Zwinglianer
togerzt]klopft,pocht abiwirft]hinabwirft
PunktfürPunktwirddieKritikder Herner`zerp ückt;Vorwürfewerdenalshaltlosab-
getan,niedrigeMotiveundBildungslückenunterstellt.AuchkomischesTalentverrätdie
eineoderandereVerhöhnung,soetwadieAusdeutungdesBlattnamensdamit,
daß[die
Kritiker]d'Wochndoanmald'Warheitredn 78.ZumSchlusswerdendiePredigtkritiker
aufgefordert, sich beim Pader Puchlin` für ihre Entgleisungen zu entschuldigen; mit ei-
nerkurzenLobeshymneaufihnwirdimtrotzigenTongeschlossen.DerTextmusseinen
gewissenBekanntheitsgradgehabthaben,wiediverseReferenzeninanderenTextenbe-
zeugen. So wird auf Pochlins Schreiben etwa auch in Perinets ngierter Briefsammlung
76 Ebda.,S.13.
77 Ebda.,S.15 19.
78 Ebda.,S.11.
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Buch Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800 - Eine andere Literaturgeschichte"
Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
Eine andere Literaturgeschichte
- Titel
- Bairisch-österreichische Dialektliteratur vor 1800
- Untertitel
- Eine andere Literaturgeschichte
- Autoren
- Christian Neuhuber
- Stefanie Edler
- Elisabeth Zehetner
- Verlag
- Böhlau Verlag
- Ort
- Wien
- Datum
- 2019
- Sprache
- deutsch
- Lizenz
- CC BY 4.0
- ISBN
- 978-3-205-20630-9
- Abmessungen
- 17.0 x 24.0 cm
- Seiten
- 652
- Schlagwörter
- Germanistik, Dialektliteratur, Bairisch, Sprachwissenschaft, österreichische Dialektkunst
- Kategorien
- Geschichte Historische Aufzeichnungen